Josef Hinkel: Schluss mit lustig

Seine Wahl zum Erster Bürgermeister Düsseldorfs war für einige überraschend. Mit einem Schritt hin zu einer politischen Karriere hatte man kaum gerechnet bei ihm. Denn wer Josef Hinkel (62) kennt, hat ihn über die Jahre vor allem so erlebt: joot dropp, wie der Rheinländer sagt, und nie politisch. Hinkel hatte den Schalk nicht nur im Nacken, sondern auch immer im Blick, seine Stimme klang meist so, als sei gerade eine Bühne und ein Mikro für den großen Auftritt in der Nähe. Düsseldorfs Narrengruß „Helau“ kam ihm gern über die Lippen.
Selbst im Gespräch über ernste Themen wie die Bäckerinnung (deren Vorsitzender er über Jahre war) oder seinen Betrieb schwang oft das Fröhliche mit. Und mit seinem weißen Käppi, der Schürze, der passenden Hose und dem urigen Lastenrad mit Gepäckträger auf dem Vorderrad perfektionierte er zwar das, was man in Marketingkreisen „Corporate Identity“ nennt, aber er war damit auch immer – nun ja: kostümiert.
Der nun erfolgte krasse Rollenwechsel ist Teil einer Änderung im Lebensplan des – das darf man bei ihm so sagen – berühmtesten Bäckers Düsseldorfs. Der Familienbetrieb läuft, die Nachfolge an der Spitze ist mit Tochter Sophie geregelt, und Hinkel ist klug genug, nicht der Versuchung zu erliegen, ewig kontrollierender Patriarch im Hintergrund zu bleiben. Also war Zeit für eine neue Aufgabe. Als CDU-Urgestein Friedrich Conzen anbot, den Wahlkreis Altstadt (den er aus Altersgründen nicht mehr vertreten wollte) zu übernehmen, ergab sich die Chance. Nach intensiven Beratungen mit Ehefrau Nicole (deren Einfluss gewaltig ist) sagte Hinkel zu, zumal da bereits einigen klar gewesen sein dürfte, welcher weitere Job winkte: der des Erste Bürgermeisters seiner Heimatstadt.
Dieses Amt muss man kurz erklären: Es ist sozusagen eine Light-Version des früheren Oberbürgermeisteramtes. Und zwar aus der Zeit vor 1999, als dieser Posten ein rein repräsentativer war, zuletzt ausgefüllt von Marlies Smeets (SPD). Die Oberbürgermeister dieser Zeit hatten zwar einen gewissen politischen Einfluss, aber wirklicher Chef im Rathaus war der Oberstadtdirektor, ein vom Rat auf mehrere Jahre gewählter Beamter. Das änderte sich durch eine NRW-weite Gesetzesänderung kurz vor der Jahrtausendwende, und der Oberbürgermeister war ab da auch die Nummer eins der Stadtverwaltung. Joachim Erwin (gestorben 2008), Dirk Elbers, Thomas Geisel und nun Stephan Keller waren oder sind Inhaber der Stelle.
Die Verpflichtung zur Repräsentation – Jubiläen, Vereine, Veranstaltungen – gehört allerdings immer noch dazu, und das schafft einer nicht allein. Dafür gibt es die ehrenamtlichen Bürgermeister, die in der Rathausverwaltung keine Befugnis haben und in ihrer Rangfolge nach dem Parteienproporz aufgestellt sind. Weil die CDU bei der Kommunalwahl die meisten Stimmen erhielt, wurde Hinkel Erster Bürgermeister – wobei dieses „Erster“ durchaus wörtlich zu nehmen ist. Er hat und ist als Ersatzmann die erste Wahl.
Dazu gehören zwar auch lockere Termine, vor allem aber ernsthafte Auftritte. Und an die war Hinkel bisher nicht gewöhnt. Was man ihm anmerkt. Als er bei einer Ratssitzung kurz den Chef vertrat, feixten FDP-Vertreter ihm ein gehässiges Helau entgegen. Spricht er zu mehreren Leuten, sind stets welche darunter, die ihn aus früheren Rollen kennen und durchaus wahrnehmen, wie sehr sich Hinkel bemüht, eben nicht als Rampensau, sondern als ernsthafter Politiker gesehen zu werden.
Ihm ist das alles klar, und daher holt er sich professionellen Rat, trainiert Stimme und Auftritt. Denn vor allem die Tonalität seiner verbalen Kommunikation ist – jedenfalls noch – stark auf Sympathiewerbung, „Everybody‘s Darling“ und das Hoffen auf Beifall ausgerichtet.
Wie er damit versucht umzugehen, zeigt ein Auftritt in der Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus: Um auf keinen Fall in irgendeinen Fettnapf zu treten, weder tonal oder inhaltlich, hatte Hinkel seine Rede vorbereitet, garantiert mit externer Hilfe, und tat etwas, was er sonst nie getan hatte: Er las sie vom Blatt ab.
Sollte er das als Lösung sehen, gerät er in eine Zwickmühle: Seine spontane, lockere und offene Art ist einer der Gründe, warum sein Chef, Stephan Keller, ihn für dieses Amt als ideale Ergänzung seiner selbst präferierte. Verliert er das gänzlich, wäre das bedauerlich, und ihm ginge damit auch die Freude am Amt verloren.
Der Mann muss also eine Zwischenlösung finden. Das ist nicht leicht, weil er politisch ein unbeschriebenes Blatt ist und Neuland betritt. Wenn er seine Loyalität gegenüber Stephan Keller betont, ehrt ihn das und wird Keller freuen. Aber es ist keine Aussage, die ihm politisch Profil verleiht. Polit-Profis würden sagen: Hinkel muss sein Thema finden. Das müsste einerseits in die Agenda des Chefs passen, aber andererseits auch zu ihm, dem erstklassig vernetzten Handwerker. Er war erfolgreich mit seinem Unternehmen, damit im Grunde das, was die CDU braucht: Ein Volksvertreter, der weiß, wovon er spricht – sowohl was wirtschaftliche Fragen als auch die Nöte der Menschen, die in der Altstadt leben oder sie gern friedlich nutzen wollen.
Er selbst sieht das allerdings anders. Er wolle sich keineswegs auf ein bestimmtes Thema konzentrieren, sondern ihm liege vor allem ein neuer Stil im Umgang miteinander am Herzen, sagt er. Stress wie seinerzeit als Karnevalspräsident will er nicht noch einmal erleben. Damals eckte er bei vielen Vereins- und Gesellschafts-Vorsitzenden an und warf am Ende entnervt das Handtuch. So sauer zu laufen will er auf keinen Fall wiederholen, das Gefühl, kaputt zu sein, nicht wiederhaben. Im neuen Job sieht er sich wie ein Treibmittel im politischen Prozess, dem er seinen eigenen Stempel aufdrücken möchte. Zurzeit trifft er sich so oft es geht mit Amtsleitern, um den Gesamtorganismus Stadt besser zu durchschauen – und am Ende sein Ding zu machen, mit Gelassenheit und gern mit guter Laune, wenn’s passt.
Also – Schluss mit lustig? Nicht, wenn es nach Hinkel geht. Halt nur anders.