Gesucht: Neuer Rektor für die Kunstakademie

Der international renommierten Hochschule fehlt demnächst die Führung, denn vor einigen Wochen kündigte Karl-Heinz Petzinka seinen Rücktritt an. Wer ihm folgen soll, ist unklar. Offenbar ist der Job nicht gerade begehrt.
Veröffentlicht am 3. August 2022
Kunstakademie Düsseldorf
Die Kunstakademie Düsseldorf. Sie liegt am Rand der Altstadt, und sie braucht dringend mehr Platz. Die Frage ist: Wo soll der herkommen? Das ist eine der Herausforderungen für den neuen Rektor. Foto: Andreas Endermann

Die Stellenanzeige könnte so lauten: „In der Kunstakademie Düsseldorf ist die Stelle des Rektors zu besetzen. Gesucht wird eine international anerkannte künstlerische Persönlichkeit (w/m/d) aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Fotografie oder Video. Ihre Kompetenz hat diese Person als Dozent einer Hochschule, in namhaften Ausstellungen und Publikationen zweifelsfrei belegt. Verlangt wird außerdem eine ausgeprägte Affinität für Verwaltung, Budgetplanung und Organisation eines Hochschulbetriebs mit mehr als 600 Lernenden. Hohe Dialogbereitschaft und -fähigkeit mit anspruchsvollen, sehr selbstbewussten Studierenden aus vielen Nationen sind ebenso unabdingbar wie das Verständnis für den Kunstmarkt und seine ambitionierten Regeln in der heutigen Zeit. Kontakte in die Politik, Wirtschaft und den Kulturbetrieb der Stadt Düsseldorf, des Landes NRW und der gesamten Bundesrepublik sind von Vorteil.“

Laienhaft ausgedrückt: Man sucht die eilerlegende Wollmilchsau. Eine Person, sowohl als Künstler renommiert und anerkannt wie auch willens und fähig, sich in die Fallstricke von Bürokratie und Finanzfragen zu stürzen. Das Problem: Diese Person ist extrem schwer zu finden, wenn es sie denn überhaupt gibt. Oder: Welcher Künstler von Rang will sich diesen Job antun? Jedenfalls ist noch kein Name als Nachfolger von Petzinka genannt worden, in Fachkreisen heißt es, man könne keinesfalls von Gedränge sprechen.

Dass diese Personalie schwierig werden könnte, zeigen bereits diese Zahlen: Markus Lüpertz leitete die Akademie von 1988 bis 2009 – das sind 21 Jahre. Sein Nachfolger Tony Cragg blieb vier Jahre (2009 bis 2013), also eine reguläre Amtszeit. Und auch die anschließend gewählte Rita McBride verschwand 2017 nach vier Jahren wieder. Ihr folgte Karl-Heinz Petzinka, und er will im Herbst aufhören, ein Jahr, nachdem er für eine zweite Amtszeit gewählt worden war. Man kann daher sicher behaupten: Er wirft die Brocken hin. Wer seine Begründung hört, ahnt, dass er nicht glaubt, die Hochschule in seinem Sinne weiterleiten zu können. Offenbar fühlt er sich nicht unterstützt bei Vorhaben wie dem Ausbau der Akademie, einer Modernisierung des Gebäudes und vor allem der Sanierung der Werkstätten, die nicht mehr heutigen Ansprüchen genügen.

Außenstehende wird das wundern, sie nehmen die Schule vor allem als bedeutsame Institution mit langer Geschichte wahr, die bis heute einen guten Ruf hat. Gegründet vor rund 250 Jahren war sie im 19. Jahrhundert Heimstätte der Düsseldorfer Malerschule. Später arbeitete und lehrte Joseph Beuys dort, Paul Klee, Blinky Palermo, Markus Lüpertz, Günther Uecker, Heinz Mack, Gerhard Richter, Jörg Immendorff, Katharina Grosse, Katharina Sieverding und Katharina Fritsch wurden von der Akademie geprägt – und prägten sie. Das Ehepaar Hilla und Bernd Becher begründete die Düsseldorfer Fotoschule, aus ihr gingen Thomas Ruff, Andreas Gursky und Thomas Struth hervor. Sich als Rektor in dieser Tradition zu sehen, müsste reizvoll sein, sollte man meinen. Aber das ist nicht so, denn die Zeiten habe sich geändert.

Ein Markus Lüpertz konnte sich noch durch den perfekt inszenierten Auftritt seiner Person einen Ruf als Maler-Fürst erarbeiten: Auto, Kleidung, Ringe an jedem Finger, erlesen geschnitzter Spazierstock waren Teil des Gesamtkunstwerks. Für ihn war die Akademie die perfekte Bühne für seine große Show. Passenderweise wohnte er lange Zeit im nur einen Steinwurf entfernten Ratinger Tor. Dass er sich viel mit Verwaltung und Organisation aufhielt, ist zu bezweifeln.

Aber genau das wird heute verlangt. Zudem müssen große Aufgaben bewältigt werden, die mit Kunst nichts zu tun haben. Der Gebäudeteil, in dem die Werkstätten untergebracht worden sind, muss saniert werden, denn dort ist über Jahrzehnte nichts gemacht worden. Als Architekt Petzinka einen eigenen Entwurf für den Ausbau der Akademie vorlegte, erntete er vor allem Entrüstung. Von einem Pharaonen-Grab war die Rede, er wolle sich selbst ein Denkmal setzen, hieß es.

Petzinka selbst lehnt es seit der Ankündigung seines Rücktritts ab, sich weiter zu seinen Gründen zu äußern. Aber offenbar ist der Mann entnervt von den vielen Widerständen, auf die er traf. Übrigens auch aus Reihen der Studierenden. Sie gelten mehr denn je als sehr selbstbewusst und unangepasst, was sie ihren Rektor mehrfach spüren ließen. Sehr empfindlich reagierten sie auf vermeintliche Zensur, Alltagsrassismus oder Sexismus.

Am Ende ergibt sich das Gesamtbild einer Aufgabe, die aus unterschiedlichen Gründen sehr kompliziert ist – und daher schwer zu besetzen. Ein Dozent der Akademie dazu: „Aber am Ende wird sich jemand finden, der es macht.“ Das klingt jedoch wahrlich nicht nach einer 1a-Besetzung.


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