Kein Tesla – OB Stephan Keller muss Mercedes fahren

Der Rathaus-Chef sollte das amerikanische E-Auto eigentlich bald als Dienstwagen bekommen. Er wollte ein umweltorientiertes Signal geben. Nun jedoch kommt der Rückzieher: Tesla kann nicht liefern – und daher wird ein vollelektrischer Mercedes bestellt.
Veröffentlicht am 5. September 2021
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Nun also doch keinen Tesla. Oberbürgermeister Stephan Keller wollte eigentlich dieses elektrisch angetriebene US-Auto fahren, aber es gibt Lieferprobleme. Also wird wohl ein Mercedes mit E-Antrieb bestellt. Foto: Andreas Endermann

Bereits kurz nach seinem Amtsantritt hatte der damals neue Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) erklärt, er wolle auch bei seinem Dienstwagen klarmachen, wie sehr ihm Umweltthemen am Herzen liegen. Ein voll elektrisches Auto sollte es sein, und weil Tesla damals mit seinem Spitzenmodell die größte Reichweite bot, entschied man sich für diesen Wagen des US-Unternehmens. Als Liefertermin wurde das Frühjahr 2021 genannt. Dieses Datum konnte Tesla jedoch nicht halten und kündigte an, im September werde der flotte E-Wagen vor dem Rathaus stehen. Nun jedoch ging im Amt für zentrale Dienste der Stadt (wo die gesamte Fahrzeugflotte verwaltet wird) die Nachricht ein, die Firma werde erst Anfang 2022 einen neuen Liefertermin nennen können. Damit ist das Thema Tesla im Rathaus erledigt, erwartet man in der Verwaltung und rechnet damit, dass der Auftrag – juristisch übrigens problemlos – storniert wird. Zumal das Argument, der Tesla habe die größte Reichweite, nicht mehr zieht: Mercedes bietet inzwischen ebenfalls rein elektrisch betriebene Modelle mit vergleichbarer Reichweite an. 

Warum ist das erfreulich für Mercedes?
Keller geht damit einem Problem aus dem Weg, das vermutlich nicht offen angesprochen worden wäre, aber dennoch existiert hätte: Auf lokaler Ebene wird von den Amtsträgern erwartet, heimische Produzenten zu wählen. Nun gibt es in Düsseldorf zwar keinen Pkw-Hersteller, aber Daimler-Benz baut in Derendorf den Kleintransporter Sprinter. 6000 Leute arbeiten dort, einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Daher kam für die Rathaus-Spitze bisher eine andere Marke nicht in Frage. Hätte Keller das ignoriert, wäre das bei Daimler nicht mit Freude zur Kenntnis genommen worden. Obwohl eine Konzern-Sprecherin mir sagte, grundsätzlich kommentiere man keine Dienstwagenentscheidung von Politikern. 

Kellers Kölner Kollegin Henriette Reker (parteilos) könnte ihm mit Erfahrungen aushelfen. Als sie erwog, keinen Ford zu fahren (Ford produziert in Köln mehrere Marken) gab es Protest vom dortigen Betriebsrat, berichtete seinerzeit der Kölner Stadt-Anzeiger. Reker lenkte ein, heute fährt sie einen – allerdings top ausgestatteten – Ford Mondeo. 

Einer ihrer Vorgänger im Amt, zu Besuch in Düsseldorf, stand einst mit seinem Düsseldorfer Kollegen auf dem Parkplatz des Rathaus-Innenhofs und zeigte auf seinen Dienstwagen, den wegen seiner Hässlichkeit längst wieder verschwundenen Ford Scorpio des damaligen Baujahrs. „Guck Dir an, was ich fahren muss“, beklagte er sich bei Düsseldorfs OB, auf den ein dunkler Mercedes wartete. Ich kann das bezeugen, ich stand daneben.

Thomas Geisel (SPD) entschied sich zum Beginn seiner Amtszeit 2014  für eine Mercedes V-Klasse, um den Wagen – einen Kleinbus – mit seiner großen Familie nutzen zu können, legte aber Wert darauf zu betonen, private Nutzung penibel abzurechnen. 

Warum sind Dienstwagen mehr als nur Autos?
Deutschland und seine Dienstwagen – eine nie endende, oft amüsante, noch öfter komplizierte Story. Sie waren einmal Statussymbole, und häufig sind sie es immer noch. Vor allem aber sind sie Teil der Kommunikation, und das auf vielen Ebenen. 

Wäre daher Düsseldorfs Rathaus-Chef Stephan Keller demnächst in einem Tesla unterwegs gewesen, hätte das – allen Ernstes – einige Beachtung gefunden. Zumal seine Stellvertreterin Clara Gerlach (Grüne) ebenfalls ein solches Auto bestellt hat. Ob ihres zeitig geliefert wird, ist unklar. Dass Keller und Gerlach sich für Tesla entschieden hatten, hat das Unternehmen damals sofort aufgegriffen und in seinem Magazin erwähnt. Dass das nun so nicht klappt, ist für die Firma eine Blamage.

Was fahren die anderen Bürgermeister?
In der Rathaus-Rangfolge ist Bürgermeister Josef Hinkel (CDU) der erste Vertreter Kellers, dann kommt Clara Gerlach (Grüne) und schließlich Klaudia Zepuntke (SPD). Sie alle haben Anspruch auf einen Dienstwagen. Hinkel wollte ursprünglich ein Fahrzeug mit Wasserstoffantrieb, ließ sich aber von seinem Fahrer überzeugen, das zu lassen, weil der Wagen in Düsseldorf nur schwer betankt werden kann. Er entschied sich daher für den rein elektrischen Mercedes EQC 400. Zepuntke steht ebenfalls ein Daimler zur Verfügung – sie sitzt in einem E-Modell mit Hybrid-Antrieb.  

Dienstwagen der Rathaus-Chefs waren schon immer ein Thema
Ich starte für die Erklärung mal mit einem Blick zurück. Und zwar auf Oberbürgermeister Joachim Erwin (1999 – 2008). Er stieg sehr schnell am Anfang seiner Amtszeit um von der Mercedes-E-Klasse (obere Mittelklasse) auf das Luxusmodell der Marke mit dem Stern, auf das S-Modell. Das Kennzeichen D – 2000 signalisierte Erwins Einschätzung von sich selbst, der Mann des gerade begonnenen neuen Jahrtausends zu sein. Sich diesen Luxus zu gönnen und von E auf S umzusteigen, kam nicht bei allen gut an. Ihm war das einerlei. Noch lieber wäre ihm übrigens D – 3000 gewesen, aber die 3000er Nummer lagen bei der Polizei, und dieses Kennzeichen prangte am Dienstwagen des Polizeipräsidenten. Erwins Nachfolger im Amt, Dirk Elbers (CDU), übernahm später das großzügige Auto bis zum Auslaufen des Leasing-Vertrags, was ihm sehr gelegen kam, weil er aufgrund seiner Größe die Beinfreiheit genoss. Als der Vertrag endete, war auch das Kennzeichen weg, denn es galten neue Regeln.  

Auch die Kennzeichen sind speziell
Wagen mit der Kennung D-US sind fast immer solche der Stadt oder des Flughafens. Dort wird das Kürzel wegen dessen internationaler Kennung DUS genutzt. Die Stadt hat sich vor Jahren alles zwischen D-US 2000 bis 2999 für die eigene Fahrzeugflotte reserviert. Dies geht auf die am 1. März 2007 in Kraft getretene so genannte Fahrzeugzulassungsverordnung zurück. Laut dieser Regel durften ab da kommunale Dienstfahrzeuge nicht mehr unter die Kategorie „Behördenkennzeichen“ fallen. Bei dieser Form der Kennzeichen folgt auf D eine ein- bis fünfstellige Zahl, ohne Buchstaben dazwischen. Daher konnte Erwin in den Jahren davor mit D – 2000 fahren. Oberbürgermeister Dirk Elbers hatte, nachdem das Fahrzeug seines Vorgängers aus dem Leasingvertrag gefallen war, das Kennzeichen D-OB 2000. Die Messe fährt mit D – MD – für Messe Düsseldorf. Ein leitender Mitarbeiter des Flughafens, der vor Jahren an seinem Wagen Wert auf seine persönlichen Namenskürzel statt D – US legte (und so aus der Reihe tanzte), fiel damit unangenehm auf. 

Grundsätzliches zu Dienstwagen
Wer sie fährt, ist in oberen Rängen unterwegs. Aber das heißt nicht, dass er einfach so wählen darf. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) etwa sitzt in BMW oder Audi, weil beide Marken in seinem Land produzieren. Einen Mercedes würde man ihm übelnehmen. Winfried Kretschmann, grüner Landes-Chef in Baden-Württemberg reist daher im Daimler, die Nobelmarke aus dem Ländle, gebaut in Stuttgart. Theoretisch könnte es auch ein Porsche sein, wegen des Werks in Zuffenhausen. Aber das würde selbst der knorrige Senior-Grüne nicht wagen. Aber wer weiß – Porsche baut neuerdings einen reinen Stromer, den Taycan.  Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), Ex-Ministerpräsident Niedersachsens, bevorzugte Audi, weil die Marke zum VW-Konzern gehört und der in Wolfsburg, also Niedersachsen sitzt. Ansonsten ist der Fuhrpark der Bundesregierung gemixt – die großen deutschen Luxus-Marken sind alle vertreten. 

Was kosten Dienstwagen?
Die Wagen werden in der Regel geleast, aber dennoch gibt es ein Budget mit Obergrenze. Das jedoch haben die Hersteller in der Vergangenheit geschickt umgangen, indem sie hochwertig ausgestattete Autos lieferten, aber teure Extras diskret einbauten und nicht wirklich berechneten. Für die Auftritte ihrer Karossen zur besten Sendezeit im TV ist nichts zu teuer, günstiger kann man Werbung nicht bekommen. Natürlich gibt es für das alles klare Regeln. Wie in Unternehmen gilt: Je höher der Job angesiedelt ist, um größer das Auto. Das hat sich nicht geändert. Allerdings kommt hinzu, dass bei Personen mit hoher oder höchster Sicherheitseinstufung wie zum Beispiel Angela Merkel (vom Bundeskriminalamt geregelt) allein auf Grund der Panzerung keine kleinen Modelle in Frage kommen. Denn das zusätzliche Paket Sicherheit kann das Gewicht eines Fahrzeuges schnell um ein paar Tonnen nach oben drücken. Dafür braucht es Raum, stabile Fahrwerke und starke Motoren. 

Kurioses
Länder ohne eigene Automobilhersteller müssen im Ausland einkaufen. Das verursacht bisweilen bizarre Probleme. Die Führungs-Crew um Erich Honecker beispielsweise wollte nicht mit den engen und wenig kommoden Trabant oder Wartburg unterwegs sein und musste im Ausland fündig werden. Mercedes, Audi und BMW vom Klassenfeind kamen aus ideologischen Gründen nicht in Frage, also kaufte man jeweils die Top-Modelle bei Citroen in Frankreich und bei Volvo in Schweden. Für den Generalsekretär gab es sogar ein Sondermodell von Volvo, das länger war als normal und daher mehr Raum bot. Nach der Wende verschlug es den Wagen auf verschlungenen Wegen bis nach Kuba, wo er heute in Havanna als Taxi läuft. (Ich habe selbst dringesessen). Beim Großen Bruder im Osten dessen fürs Politbüro handgefertigten Monster-Gefährte namens SIL zu kaufen, war den Genossen in Ost-Berlin vermutlich zu auffällig. Diese mehr als sechs Meter langen Spritsäufer wären der in der Rennpappe (Volksmund für Trabi) darbenden Bevölkerung vermutlich schwer vermittelbar gewesen. In anderen Staaten weltweit sind deutsche Limousinen dagegen extrem beliebt, an der Spitze steht Mercedes. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un sitzt zum Beispiel am liebsten mit Blick auf den Stern und fiel zuletzt bei einem Auslandsbesuch mit einer kompletten Flotte Mercedes-S-Klasse neuester Bauart auf. 

Weitere Fakten 

  • In Frankreich sind nur Citroen und Renault für die Chefetage unterwegs.  
  • Der US-Präsident bringt auf Reisen immer seinen eigenen Wagen mit – in zweifacher Ausführung. Das riesige Fahrzeug heißt intern „the beast“, seine Sicherheitsausstattung ist top secret und macht ihn nahezu kriegstauglich. 
  • Achten Sie mal drauf: In vielen US-Krimis und Polit-Thrillern fahren die Bösen oft Mercedes. 
  • In England fährt die Regierung immer Jaguar, die Königsfamilie Range Rover, und die Queen lässt sich im Rolls Royce chauffieren. Einer ist sogar eine Sonderanfertigung für sie: Er wurde eigens höher gebaut, damit sie drinnen stehen kann. Was nicht weiter aufwändig war, denn sie ist sehr klein.  
  • Nochmal England: Als Prinzessin Diana nach ihrer Trennung von Prinz Charles im Audi-Cabrio gesichtet wurde, nahm Englands Öffentlichkeit das als weiteren Beweis dafür, dass sie sich von der königlichen Familie distanzieren wollte.  

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