Torsten Lemmer: Das Programm bin ich

Die Jahre 2014 bis 2020 waren eine schwere Zeit für Torsten Lemmer und Dr. Ulrich Wlecke. Der eine (Lemmer) war damals kein Mitglied des Düsseldorfer Stadtrats. Als Geschäftsführer der Fraktion Tierschutz/Freie Wähler durfte er zwar bei den Sitzungen im Saal sein, aber nicht öffentlich reden. Der andere (Wlecke) war zwar Mitglied und durfte ans Pult, kam aber kaum dazu, die erforderlichen Gedanken zu fassen, weil regelmäßig von der linken Seite etwas angeschossen kam, das einem Eichhörnchen nach Stromstoß nicht unähnlich war: Torsten Lemmer. Er versorgte seinen Ratsherrn mit Anregungen und Ideen, leider in einer Geschwindigkeit und Menge, denen Dr. Ulrich Wlecke nicht gewachsen schien.
Seit dem Herbst 2020 ist alles wieder ein bisschen einfacher geworden – zumindest bei Tierschutz/Freie Wähler. Dr. Ulrich Wlecke hat den Stadtrat nach der Legislatur verlassen, Torsten Lemmer ist ins Gremium gewählt worden und damit redeberechtigt. Der neue Ratsherr liest offensichtlich gerne und viel und möchte ungern etwas verkommen lassen. Deshalb macht er aus vielen Gegenständen seiner Lektüre eine Anfrage oder, wenn’s schnell gehen muss, eine „Anfrage aus aktuellem Anlass“ für den Stadtrat. In der Sitzung am 8. September möchte er zum Beispiel wissen, wie städtische Büchereien und Kita jetzt mit Winnetou umgehen oder was in der Nacht der Museen in der Mahn- und Gedenkstätte passiert ist.
Trotz der Vielzahl von Tagesordnungspunkten, die auf Torsten Lemmer zurückgehen, ist es wohl nur ein Gerücht, dass der Stadtrat seinetwegen die Sitzungsregeln aus der Corona-Zeit lange beibehalten hat. Danach werden Anfragen schriftlich beantwortet und die maximale Redezeit pro Beitrag liegt bei drei Minuten. So oder so: Der Ältestenrat, der das beschlossen hat, sägt damit an der liebsten Bühne des einzigen Ratsherrn der Freien Wähler.
Höhepunkt eines jeden Sitzungsjahrs ist für Torsten Lemmer folglich die Zusammenkunft des Stadtrats, in der der Düsseldorfer Etat verabschiedet wird. Dann dürfen die Fraktionen Vorschläge machen, wie die Stadt ihr Geld anders oder noch umfangreicher ausgeben sollte. In der Regel stellen die hiesigen Ratsfraktionen 20 bis 30 solcher Anträge. Bei der Ratsgruppe Tierschutz/Freie Wähler waren es zum Haushalt des vergangenen Jahres 70 – bei einer Erfolgsquote von null Prozent.
Pausen legt Torsten Lemmer im Gegensatz zum Stadtrat und dessen Fachausschüssen nicht ein. Im Sommer, als die Bühnen des Rathauses ein wenig Staub ansetzten, verschickte er Pressemitteilungen und verarbeitete darin die aktuellen Meldungen. Etwa die Nachricht, dass der frühere Oberbürgermeister Thomas Geisel nicht zu bestimmten Veranstaltungen eingeladen wurde oder dass die Sicherheitsbehörden nicht auf einen Mann mit großem Kampfmesser in der Altstadt reagiert haben sollen. Rest-Sympathien für Oberbürgermeister Stephan Keller scheinen dabei inzwischen aufgebraucht. Viele der Mitteillungen enden mit General-Sinnfragen an den Verwaltungschef, etwa „Fühlen sich eure Hoheit schon als direkter Nachfolger von Jan Wellem?“ oder „Was muss noch passieren, bis endlich wirksam, vorbeugend gehandelt wird?“.
Wer nun ein zusammenhängendes Programm oder Ziele hinter dem Ganzen sucht, dem wird es ähnlich ergehen wie dem armen Dr. Wlecke zwischen 2014 und 2020. Mal betrauert Torsten Lemmer tote Schwäne im Hofgarten oder die Beteiligung bei der Landtagswahl, dann wieder geht es um den Kfz-Buchstaben Z, Tiny-Häuser, die Rheinbahn oder die Altstadt. Torsten Lemmer wechselt die Themen wie früher die Parteien. Er war oder ist Mitglied der FDP, der Freiheitlichen Volkspartei, der FWG, der „Unabhängigen Wählergemeinschaft für Düsseldorf – Lemmerliste“, der Freien Wähler und der Piraten. Je länger man Torsten Lemmer dabei erlebt, desto mehr drängt sich die Abwandlung eines Zitats des französischen Königs Ludwig des XIV. auf: Das Programm bin ich.
In seinen Zeiten als Neo- und Ex-Neo-Nazi hat er gelernt, wie man Aufmerksamkeit in der von ihm geschätzten Dimension erhält: durch größtmögliche Provokation. Einst störte er öffentliche Sitzung im Rathaus, bis er Hausverbot erhielt, arbeitete er als Manager und Backgroundsänger der Rechtsrockband Störkraft und wurde wegen Volksverhetzung verurteilt. Später, als nach eigenen Angaben Geläuterter, beteiligte er sich an Theaterprojekten für Aussteiger und spielte er in einer Hamletverfilmung eine der Hauptrollen.
Gemessen an alledem wirkt der heute 52-Jährige beinah, als habe er sich ein paar Apps für progressive Muskelentspannung aufs Handy geladen. Seine Leidenschaft gilt heute zu einem guten Teil der Satzung des Stadtrats und den Möglichkeiten, die sie bietet, um Sondersitzungen des Stadtrats vor Gericht zu erstreiten und durch nicht-geheime Abstimmungen die Sitzungen um viele Stunden in die Länge zu ziehen.
Und wenn das alles gerade nichts hergibt, bleibt noch der Islam. Ohne in Abrede stellen zu wollen, dass er mit seinem Wechsel eine tiefe religiöse Überzeugung vertritt, muss man doch feststellen, dass eine gewisse Freude des Konvertiten an den Reaktionen nicht zu verkennen ist. In Phasen, in denen der Gedanke entstehen könnte, den anderen Ratsmitgliedern sei dies entfallen, beginnt Torsten Lemmer vorsichtshalber seinen nächsten Redebeitrag mit „Salam aleikum“.