Monheim Schelmenturm autonomer Bus
Moderne und Idylle vereint: Monheims altes Wahrzeichen, der Schelmenturm, im Hintergrund, und einer der autonomen E-Busse davor. Diese Fahrzeuge rollen auf einer festen Route durch die Altstadt. Foto: Andreas Endermann

Was Düsseldorf von Monheim lernen kann

Der kleine Nachbar im Süden setzt konsequent seine Vision um, eine Stadt zu werden, in der Wohnen, Lernen, Arbeiten, Einkaufen, Ausgehen und Kultur erleben nah beieinander möglich sind. Maßstab jeder Planung sind die Bedürfnisse der Menschen. Geld hat man genug, Ideen auch.
Veröffentlicht am 15. Juni 2022

Diese Geschichte ist so entstanden: Vor ein paar Wochen las ich in etlichen Medien, die Stadt Monheim schenke ihren Bürgern das 9-Euro-Ticket. Weil ich vor vielen Jahren dort als Lokalredakteur gearbeitet habe, also die Stadt in ihrer damaligen Struktur kannte, wurde ich neugierig. Ich hatte über die Jahre aus der Ferne beobachtet, was in Monheim passierte. Daher wusste ich, dass seit 2009 eine Partei namens Peto (lat.: ich fordere) den Bürgermeister stellt (Daniel Zimmermann, heute 40, bei seinem Amtsantritt 27) und im Monheimer Rat eine absolute Mehrheit hat. Ich hatte gehört von autonomen Bussen, niedriger Gewerbesteuer, solidem Wohlstand, vielen neuen Firmen – und einem Geysir. Einem Geysir? Ja, den leistet man sich. Und weil er so typisch für diese Stadt ist, fange ich mit dieser Fontäne an zu beschreiben, warum Monheim Vorbild sein kann für andere, sogar für das viel größere Düsseldorf. 

Der Geysir ist kein natürlicher, sondern die Installation (schönes Wort in diesem Zusammenhang) eines Künstlers in einem Kreisverkehr am Ortseingang von der Rheinseite aus. Hat ein angeschlossener Sensor 64 Stunden Sonnenschein gezählt, bricht er aus und spuckt ein paar Minuten lang Wasser hoch in die Luft. Der benachbarte Autoverkehr hat so lange zu warten. Das nervt einige, aber alle finden es kurios, ein Hingucker ist es allemal. Das Ding kostete etliche hunderttausend Euro, und der Bund der Steuerzahler hat es – wie andere Monheimer Vorhaben auch – reflex- und pflichtgemäß als Verschwendung kritisiert. Und damit Gratis-PR geliefert für die Stadt, weil sie kostenlos Sendezeit bei allen relevanten TV-Stationen bekam. Im Rathaus hat man das händereibend zur Kenntnis gekommen. Der Gegenwert an Werbezeit hat die Kosten längst wieder in die Kasse gespült. 

Womit wir bei einem entscheidenden Merkmal der Kommunalpolitik dieser Stadt sind: Mut zu ungewöhnlichen Entscheidungen. Bleiben wir noch bei der Kultur

Nur wenige Meter vom Geysir entfernt steht eine meterhohe Figur von Markus Lüpertz. Sie stellt Leda mit dem Schwan dar, und man braucht – typisch Lüpertz – ein bisschen Fantasie, um das Ensemble zu erkennen. Die Entscheidung für das umstrittene und gewiss teure Werk fiel bewusst, weil Monheims Wahrzeichen die so genannte Gänseliesel ist. Die wird normalerweise dargestellt als süßes Mädchen mit blondem Schopf und netter Schürze, eine weiße Gans hütend. Altbacken, piefig, nörgelten manche. Was man von Lüpertz‘ Gegenentwurf garantiert nicht sagen kann. Ärger war programmiert und damit Aufmerksamkeit gesichert. 

Nicht weit entfernt von Geysir und Leda verrotteten bis vor wenigen Jahren riesige Gebäude einer ehemaligen Raffinerie der Firma Shell. In den Hallen des typischen Industriestils des 19. Jahrhunderts hatte man bis in die 1970er Jahre Öle hergestellt, danach standen Fläche und Gebäude leer. Das wird sich bald ändern: Es entsteht gerade die Kulturraffinerie K 714. Direkt am Rhein (daher K 714 für den Stromkilometer) wird dieses Zentrum für viele Künste später um die 4000 Zuschauer fassen und eine auf dem Fluss schwimmende Bühne haben, zu der eine Freitreppe führt. Der Anblick dürfte sowohl für die Besucher wie die von außen draufschauenden Menschen spektakulär sein. Weil man auch damit Touristen anlocken will, baut man in der Nähe eine Landungsbrücke für große Flusskreuzfahrer. Ich erlaube mir hier jetzt mal ein Wortspiel: Ganz schön raffiniert, oder?

Sollte Ihnen nun der Gedanke kommen, das könnte doch eine Inspiration für den Bau der neuen, geplanten Düsseldorfer Oper sein, liegen Sie ziemlich richtig. 

Wohnen
Monheim ist attraktiv für Familien aus dem Umland, weil es Jobs gibt, die Stadt keine Kitagebühren erhebt, jedes Kind in der Schule ein iPad erhält und man die Schulen permanent modernisiert. Aber der Zuzug drückt die Immobilienpreise nach oben. Die sind noch deutlich günstiger als in Düsseldorf, aber Eigentum ist dennoch nicht billig. Also greift die Stadt selbst ein. Über eine städtische Wohnungsbaugesellschaft errichtet sie gerade 430 neue Wohnungen. Wo immer möglich, kauft sie Immobilien auf und schafft zusätzlichen Wohnraum. Investoren unterliegen beim Wohnungsbau einer klaren Regelung, einen verbindlich definierten Teil ihrer Projekte als Sozialwohnungen zu realisieren. 

Verkehr
Wer in der Stadt lebt, nutzt die Busse des örtlichen Verkehrsbetriebs „Bahnen der Stadt Monheim“ gratis. Bevor man diese Regelung einführte, wurden Taktung und Zahl der Fahrzeuge erhöht. Der Name „Bahnen“ ist nicht mehr ganz zutreffend, weil eine Güter-Bahnlinie, die einst zum Nachbarn Langenfeld betrieben wurde, kaum noch gebraucht wird. Dafür ist das Unternehmen (ebenfalls eine städtische Tochter) verantwortlich für ein anderes, besonders Verkehrsmittel: Auf einer festen Route durch die Altstadt Monheims rollen mit wenig mehr als 10 km/h fünf kleine, autonome Elektrobusse, jeweils konzipiert für ein Dutzend Fahrgäste. Sie sind einerseits praktisches Verkehrsmittel, andererseits Attraktion für Einheimische und Besucher. Die Fahrt kostet nichts, das Erlebnis ist unbezahlbar. Auch die Busse verursachten bundesweite Gratiswerbung.

Der Autoverkehr wird in der Stadt keineswegs verdrängt, weil man weiß, dass er für viele immer noch von Bedeutung ist. Daher werden bei jeder Planung auch Parkplätze oder funktionierende Verkehrswege für Autos eingeplant, so wie zurzeit beim Umbau der Verbindung zur nahegelegenen Autobahn 59, über die sowohl Düsseldorf wie Köln schnell erreichbar sind. Die wachsende Zahl der Pendler von außen verlangt die Modernisierung der Strecke. 

Wirtschaft 
Dreh- und Angelpunkt, also Basis der gesamten Pläne und Visionen ist die gute ökonomische Lage Monheims. Die Stadt, die bis in die 2000er Jahre pleite war und der Aufsicht des Regierungspräsidenten unterstand, ist heute eine reiche Kommune. Und das kam so: Als Peto 2009 die Mehrheit und den Bürgermeisterposten holte, drückte man den Steuersatz für Unternehmen drastisch nach unten. Und zwar am Ende (und bis heute) auf einen Hebesatz von 250 Punkten. Zum Vergleich: Düsseldorf setzt 450 Punkte an. Das Kalkül der jungen Rathaus-Führung ging auf: Dieser einmalig niedrige Steuersatz, der Firmen sehr viel Geld erspart, lockte zahlreiche Betriebe an und zahlte sich so am Ende aus. Monheim (45.000 Einwohner) nimmt derzeit pro Jahr zwischen 200 und 300 Millionen an Gewerbesteuer ein. In Düsseldorf (650 000 Einwohner) und ebenfalls als sehr wohlhabend angesehen, sind es etwas mehr als 900 Millionen.

2011 zählte Monheim 10.800 Arbeitsplätze, heute sind es rund 5000 mehr. Der Zuzug unterschiedlicher Branchen verursacht allerdings weitere Besonderheiten: An manchen nicht sehr voluminös wirkenden Gebäuden stehen auffallend viele Firmennamen auf einem einzigen Briefkasten. Klarer Hintergrund: Wer auch immer kann, nutzt die günstige Steuer und macht Monheim zur steuerlich gültigen Firmenadresse. Das wird von einigen Nachbarn mit einer Mischung aus Neid und Zorn registriert, manche sprechen von Schmarotzertum. Monheim würde wohl eher von einer Symbiose reden. 

Gastronomie 
Selbst die Gastronomie wird bewusst in die Planung einbezogen. Weil man vermeiden will, dass die Menschen die Stadt verlassen, um woanders essen zu gehen, hat Monheim sogar zum Verkauf stehende Gebäude mit gastronomischen Betrieben gekauft, die Betriebe renoviert und wieder angeboten. Ein möglichst breites Angebot soll so erhalten bleiben und die Lebensqualität in der Stadt gesichert werden. 

Einkaufen 
Über eine eigene Gesellschaft baut Monheim gerade ein neues Einkaufszentrum (Monheimer Tor), ein bestehendes wird saniert. Für den noch lange nicht fertigen Neubau sind 95 Prozent der Fläche bereits vermietet. Wie beim Wohnen und bei der Gastronomie nimmt die Stadt, wo immer es geht, Einfluss auf den Einzelhandel, erhält, was möglich ist, oder hilft beim Wechsel. Das Ziel: ein gut erreichbarer guter Mix, der sich an dem orientiert, was die Leute brauchen oder suchen. Und was sie davon abhält, zum Einkaufen in Nachbarstädte zu fahren. Im Gegenteil will man für das benachbarte Langenfeld, aber auch für die südlichen Düsseldorfer Stadtteile Hellerhof und Garath attraktiv werden und von dort Kaufkraft abziehen. Ins neue Zentrum kommt sogar ein Kino mit sechs Sälen. 

Politik
Das heutige Monheim ist das Produkt eines über Jahrzehnte verlaufenen politischen Prozesses, in dem die SPD eine zentrale, allerdings sehr schlechte Rolle spielt. Die Sozialdemokraten hatten bis weit in die 1980er Jahre in Monheim eine absolute Mehrheit im Rat. Vor allem in den 1960er und 1970er Jahre prägten sie die Stadt und ihre Entwicklung. Der Bau von einigen tausend Wohnungen durch die Neue Heimat (Berliner Viertel) brachte den Genossen zwar sichere Wählerstimmen, aber auch riesige Probleme, wie sie auch andere Städte mit solchen künstlich geschaffenen Vierteln hatten. In den Jahren der SPD-Herrschaft ging es mit der Stadt wirtschaftlich bergab, eine Perspektive gab es nicht, Menschen und Betrieben zogen fort.

Der Machtwechsel hin zur CDU Ende der 1990er Jahre schien eine Kehrtwende zu bringen, aber am Ende wollten die Wähler den so genannten Volksparteien nicht mehr die Verantwortung übertragen. Und so kam Peto an die Macht. Anfangs noch eine reine Schüler- und Jugendpartei, erhielt die Partei 2009 die nötige Mehrheit, um den Bürgermeister zu stellen und im Monheimer Stadtrat zu entscheiden. Inzwischen hat sich Peto, eine Monheimer Einmaligkeit, auch für Ältere geöffnet, Arbeitsgruppen für Menschen jeden Alters eingerichtet und wird längst nicht mehr als Truppe von Youngstern wahrgenommen.

Ohne Peto wäre auch diese Entscheidung nicht denkbar gewesen: 2016 stellt Monheim zwei muslimischen Gemeinden Grundstücke für Moscheen zur Verfügung. Das Aufsehen, die Kritik waren enorm. Aber man wollte bewusst ein Zeichen setzen, dass der Grundsatz „Monheim, eine Stadt für alle Menschen“ auch für Muslime gilt. Ein damals Beteiligter: „Seitdem wir das gemacht haben, weiß ich, was ein Shitstorm aus der rechtsradikalen Ecke ist.“ 

Weitere Geschichte
Christian Herrendorf hat über kostenlosen ÖPNV geschrieben und sich in seinem Artikel unter anderem mit Monheim beschäftigt.


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