
Campino und Gerhard Polt: “Wir sind uns treu – obwohl wir uns kennen“
Gelsenkirchen und Amphitheater klingt so naheliegend wie Die Toten Hosen und Alphörner. Aber beides gibt es tatsächlich und an diesem Montag sogar in Kombination. Die Düsseldorfer Band ist mit Gerhard Polt und den Well-Brüdern (früher Biermösl Blosn) unterwegs und spielen an diesem Abend am Rhein-Herne-Kanal. Die drei Parteien sind seit Jahrzehnten befreundet und gehen immer mal wieder gemeinsam auf Tournee. Das neue Programm heißt „Forever – Eine kulturelle Zumutung“.
Während sie früher nach- und nebeneinander gespielt haben, agieren die Beteiligten diesmal gemeinsam. Die Well-Brüder bekommen für ihre satirische Volksmusik rheinische Rockunterstützung und Gerhard Polt verschiedene Partner für seine Kabarett-Nummern. Die Hosen spielen weitgehend ohne Strom, dafür mit bayrischer Instrumental-Unterstützung von Harfe bis Tuba – und eben Alphorn. Die Band erscheint bei den Auftritten so entspannt und neugierig wie einst bei ihren Unplugged-Konzerten. Am Ende des Abends singen die Fans „Oh wie ist das schön“, den neun Protagonisten gehen die Zugaben aus und Schlagzeuger Vom Ritchie verliert beim Schuhplattlern seine Hausschlüssel.
Vor diesem Auftritt habe ich Campino, Gerhard Polt und Michael Well im Tourbus zum Interview getroffen. Wir sind im Gespräch von Wackersdorf und Freundschaft auf Trompetenunterricht in Mettmann und Schildkröten gekommen.
Eure Freundschaft begann 1986 beim Anti-WAAhnsinns-Festival gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Ihr habt dort Fußball gegeneinander gespielt. Wie kann eine Freundschaft ausgerechnet in einem Duell ihren Anfang nehmen?
Campino: Das war nur ein bisschen Gebolze hinter der Bühne. Da war jeder gerne gesehen, der freiwillig mitgemacht hat. Und das war allemal besser, als sich die anderen Bands anzuhören. Wir waren da echt die Exoten. Ich muss zugeben, dass ich vorher von den Biermösl Blosn noch nie etwas gehört hatte. Rein äußerlich waren die nicht von anderen Volksmusikkapellen zu unterscheiden. Aber als sie dann auf die Bühne gegangen sind – das war eine Offenbarung.
Wackersdorf ist dann nie gebaut worden. Was wollt ihr nun mit euren aktuellen Auftritten verhindern?
Gerhard Polt: Da konnten wir damals nichts dafür. Das hat die Großindustrie so entschieden. Die Politik hätte es durchgezogen, die Proteste haben nichts genutzt. Das ist so wie jetzt beim Nethanjahu. Das ist bei fast allen Protesten, bei denen wir dabei waren, so gewesen. Die sind nicht gelungen. Aber wir geben nicht auf.
Warum nicht?
Gerhard Polt: Man sagt doch: Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie.
Michael Well: Mit unseren jetzigen Auftritten gehen wir es eher entspannt an. Wir bringen Entspannung rein, wo es sich zu verhärten scheint, und näheren uns in Ruhe den Grenzen.
Gerhard Polt: Vive la différence (Es lebe der Unterschied)
Campino: Humor ist eine super Waffe gegen die Umstände, gegen das, was nervt, und um auch die bitteren Zeiten durchzustehen.
Michael Well: Unser Thema dabei ist die Frage „Wo geht das hin?“
Gerhard Polt: Was geht wo hin?
Michael Well: Die Polarisierung und Abneigung.
Gerhard Polt: Die geht scho‘ irgendwo hin.
Auf mich wirkt das neue Programm wie eine große Integrationsmaßnahme für die Toten Hosen in die bayerische Kultur. Wie gut lassen sie sich integrieren?
Campino: Das ist eine wechselseitige Integration. Unsere Stücke kriegen eine neue Farbe, die du allein nicht produzieren kannst. Sie hören sich anders an – und die Stücke der Well-Brüder auch.
Gerhard Polt: Jeder bleibt integer, obwohl er sich integriert.
Das Programm heißt „Forever“. Inwiefern bezieht sich das auf eure Freundschaft?
Campino: Die Frage müssen wir uns nicht mehr stellen. Wir sind jetzt seit fast 40 Jahren befreundet. Was soll sich daran noch ändern?
Gerhard Polt: Wir bleiben uns treu – obwohl wir uns kennen.
Campino, du spielst im Programm Trompete. Wie ist es dazu gekommen?
Campino: Meine Mutter fragte mich als Zehnjährigen, welches Instrument ich gerne spielen wollte. Ich habe dann wahrheitsgetreu Schlagzeug gesagt. Die Musikschule in Mettmann war damals neu gegründet worden, und die boten das nicht an. Meine Mutter hat mich zum Trost völlig überraschend beim Trompetenkurs angemeldet. Ich konnte mit diesem Instrument so überhaupt nichts anfangen, wollte meine Mutter aber auch nicht enttäuschen und bin vier Jahre zum Unterricht gegangen.
Wie schwierig war es dann jetzt, Alphorn zu lernen?
Michael Well: Das ist einfacher wie Trompete, weil die Töne näher beieinander liegen.
Campino: Wenn ich damals von meiner Mutter ein Alphorn geschenkt bekommen hätte, würde ich jetzt die Soli spielen.
Michael Well: Oh, da weiß ich ein schönes Geburtstagsgeschenk für Dich. Wir schicken es Dir mit DHL.


Wenn ihr früher zusammen aufgetreten seid, habt ihr nacheinander gespielt. Nun präsentiert ihr alle Nummern gemeinsam. Was hat sich geändert und warum?
Campino: Beim ersten Mal haben wir uns mit Klischees duelliert, das war lustig. Auf Dauer ist es aber spannender zusammenzuwachsen. Wir wollen als eine Band wahrgenommen werden. Das Schöne ist, dass das Publikum das tatsächlich auch so wahrnimmt.
Michael Well: Wir haben deshalb viel länger geprobt als sonst. Wir haben uns schon im April getroffen, beim Gerhard am Schliersee. Und wir haben überhaupt keinen Stress gehabt. Das sind wir nicht gewohnt, das ist unter Brüdern normalerweise anders. Wir proben bei unseren Auftritten.
Campino: Wir gehen in der Band normalerweise auch anders miteinander um. Das ist hier viel sozialer. Es tut allen offenbar gut.
Gerhard Polt: Mich persönlich, obwohl ich kein musikalisches Genie bin, mich haut’s um. Wenn Ihr zusammen den Mozart spielt, das ist einfach toll. Das musst du erlebt haben.
Hat dich das dazu gebracht, im Programm zu singen?
Gerhard Polt: Ich bin so kühn geworden, weil der Stofferl Well gesagt hat, an mir sei ein Bariton verlorengegangen.

Auf den Plakaten für euer Programm steht „Eine kulturelle Aneignung“, das Aneignung ist allerdings durchgestrichen und darüber steht „Zumutung“. Was ist denn nun: eine Aneignung oder eine Zumutung?
Campino: Unsere Kultur lebt im positiven Sinne davon, dass man sich Dinge aneignet. Ich meine nicht die Form, in der man sich überlegen fühlt und anderen etwas wegnimmt. Wir machen uns über Aneignung nicht lustig, sondern zelebrieren sie.
Gerhard Polt: Die ganze Zivilisation ist letztlich eine Geschichte der Aneignung.
Michael Well: Mich nerven Leute, die nicht neugierig auf andere sind. Es ist doch das Schönste, sich andere anzuschauen und von ihnen inspirieren zu lassen.
Campino: Das ist im Karneval doch nicht anders. Man schlüpft in andere Rollen. In meinen Adern fließt zu viel rheinisches Blut, um das nicht auszuprobieren. Dabei geht es auch darum herauszufinden, wo etwas missbraucht wird. Nimm zum Beispiel die Lederhose. Sie zu tragen, ist eine Einstellungssache. Aber sie wird auch von Leuten missbraucht. Deshalb müssen wir den Rechten die Lederhose entreißen und denen zurückgeben, denen sie gehört.
Hast du jetzt eine Lederhose?
Campino: Ja. Ich habe von den anderen viel über die Lederhosenkultur und die damit verbundene Handwerkskunst gelernt. Ich habe verstanden, dass man eine Lederhose nie ablegt. Man stirbt da raus. Ich bin kein guter Schenker, aber in diesem Fall war ich so aufgeregt, dass ich meinen Sohn angerufen und ihm gesagt habe, dass er so um 2050 eine richtig gute Hose erben wird.
Gerhard, ich muss zum Schluss eine Sache fragen. In der Pressemitteilung zu Eurem Programm steht von dir der Satz „„Die Gleichverschiedenheit in unserer Zusammenballung verleiht uns die Pekularität“. Das Zitat wurde in vielen Medien aufgegriffen. Ich habe im großen Wahrig-Wörterbuch nachgeschlagen, den Begriff Pekularität aber nicht gefunden. Was bedeutet er?
Gerhard Polt: Pekularität ist eine große eigene Form der Besonderheit.
Hast du das erfunden?
Gerhard Polt: Ja.
Campino: Es gibt Momente, in denen fehlt einfach das richtige Wort, um sie zu beschreiben. Dann muss man sie erfinden.
Gerhard Polt: Jeder ist kreativ: der eine mit dem Pinsel, der andere als Musiker – und ich male eben mit der Sprache. Wenn ich irgendwo sitze und mich jemand fragt, was ich da mache, sage ich „Ich sinnlose vor mich hin“. Oder „Ich schildkröte“.
Michael Well: Gerhard sagt auch „Der Wein providiert“.
Pro-vi-diert?
Michael Well: Ja, providiert. Mit V. Wahrscheinlich.
Weitere Fotos vom Auftritt in Altusried im Allgäu









