Saitta: Das Imperium ist nicht entzückt

Italiens Sprache ist reich an Gesten. Eine hochgezogene Augenbraue, gespreizte Finger, ein Grinsen, die flache rechte Hand, die unter dem Kinn nach vorne bewegt wird – alles eindeutig und hoch kommunikativ. Wer mit Giuseppe und Michelangelo Saitta spricht, sollte darauf achten. Die Brüder aus einer sizilianischen Familie, seit vielen Jahrzehnten in Düsseldorf, haben alte Gewohnheiten nicht abgelegt.
Den Barbarossaplatz in Oberkassel haben die zwei unter sich aufgeteilt. Vorne, an der Ecke zur Luegallee, sitzt Michelangelo. Sein „Saittavini“ ist stets gut besucht, es ist eine beliebte Adresse bei Geschäftsleuten, Fußballstars (Rudi Völler ist regelmäßig zu Gast) und anderen zahlungskräftigen Gästen, denen die Atmosphäre mit Blick auf italienische Spitzenweine gefällt. In der Ecke an einer Wand hängen Fotos des Wirts mit Prominenten. Eins zeigt ihn mit Mick Jagger.
Schräg gegenüber hat sein älterer Bruder Giuseppe sein Restaurant und seit ein paar Monaten eine Pizza-Bäckerei – er lockt eher Lauf- und Stammkundschaft aus dem Viertel. Seit Jahren sind die zwei zerstritten, über die Ursache haben sie das sizilianische Gesetz der Omerta gelegt. Sie schweigen. Gerüchte ranken sich um einem Streit der Ehefrauen. Dabei haben die Männer mit einem dritten Bruder und dem Vater ihre Firmen aus einem kleinen Obst- und Gemüseladen gemeinsam aufgebaut. Die gute Nachricht: Neuerdings spricht man immerhin wieder miteinander, der runde Geburtstags eines Sohnes, der den Onkel dabei haben wollte, half bei der Annäherung. Außerdem hat „la Mamma“ im fernen Palermo (87 und topfit) womöglich nachgeholfen.
Nun jedoch droht ein Angriff von außen, der familiäres Zusammenrücken verlangen könnte. Denn Jenny Hülsmann eröffnet am Barbarossaplatz eine Filiale ihres Restaurants Brasserie Hülsmann, das ein paar hundert Meter entfernt am Übergang der Luegallee zur Belsenstraße liegt. Das Bistro Chez Lio zieht also genau in die Mitte zwischen die Saittas.
Bereits vor Wochen haben Handwerker begonnen, das kleine Ladenlokal an der Ecke Dominikanerstraße zu entkernen. Bis Oktober, so hofft Hülsmann, sei man damit fertig und könne mit dem Innenausbau beginnen. Die Eröffnung peilt sie für Anfang 2022 an, früher auf keinen Fall. Einen Namen für das neue Lokal hat sie noch nicht.
Wer ihre Küche kennt, der ahnt, was auf den Teller kommt: südfranzösische Küche, eher locker und leicht. Also ein Gegengewicht zu dem, was rechts und links serviert wird: Dort Carpaccio, hier Coq au Vin, Pasta trifft Pastis, sozusagen. Ob dies der Beginn einer guten Nachbarschaft ist, wird sich zeigen. Kenner der Beteiligten sind skeptisch und berichten von eher gedämpfter Begeisterung bei Giuseppe Saitta. Kein Wunder: Die offene Fläche des Barbarossaplatzes, bisher sein alleiniges Spielfeld, muss er künftig mit der jungen Wirtin teilen. Ihm stehen allerdings drei Viertel zu, ihr nur eines.
Warum nicht einer der beiden Brüder das Lokal selbst übernimmt, wird nicht klar gesagt. Michelangelo, der es zuletzt gemietet hatte, war offenbar nicht mehr interessiert. Er hatte den Raum als Lager genutzt, und das habe sich nicht mehr gelohnt, berichtet er, grinst ein bisschen und sagt, der Bruder hätte gerne es haben können. Giuseppe, an dessen Pizza-Bäckerei es unmittelbar angrenzt, hatte wohl die Chance, zögerte dann aber. Die Miete sei ihm zu hoch gewesen, heißt es in seinem Umfeld. Eine andere Erklärung: Der Eigentümer der Immobilie, dem dort bereits andere Häuser gehören, war an einem Angebotmix interessiert und wollte nicht alles auf einen Mieter setzen.
Das Ergebnis ist jedenfalls für die große Stammkundschaft der beiden auch außerhalb Düsseldorfs bekannten Wirte überraschend: Ein dritter Player an einem Standort, der bisher von zwei Platzhirschen dominiert wurde. Alles wartet nun auf die Eröffnung und wie man sich arrangieren wird. Als sicher gilt: Das Saitta-Imperium ist nicht entzückt.