Das neue Monkey’s Island

Sogar Wasser ist da, und zwar reichlich, auch wenn hier nicht der Rhein vorbeifließt. Aber direkt nebenan gibt es einen großen Baggersee, der demnächst ausgekiest ist und dann Teil der Umsetzung einer neuen Idee des früheren Kunstberaters Helge Achenbach wird. 2003 schuf er Monkey’s Island auf einer Landzunge im Rhein neben dem Medienhafen. Die berühmten Affen des Künstlers Jörg Immendorff prägten die Optik und waren Namensgeber. Nun ist er dabei, etwas zu schaffen, das er „Park der Sinne“ nennt. Das klingt anders, aber im Grunde entsteht dort auf einem ehemaligen Bauernhof zwischen Kaarst und Meerbusch-Osterath eine zweite Auflage der legendären Strandbar. Daher nenne ich es „Das neue Monkey’s Island“. Ich war jetzt dort – und die Parallelen sind nicht zu ignorieren. Sie sind zu sehen, zu spüren, zu hören.
Nochmals etwas Vorgeschichte: 2014 wird der international agierende Kunstberater Helge Achenbach am Flughafen Düsseldorf verhaftet. Der Vorwurf: Betrug zu Lasten des damaligen Aldi-Teileigentümers Berthold Albrecht. Achenbach wird zu sechs Jahren Haft verurteilt, kommt bald in den offenen Vollzug, wird nach zwei Dritteln der Haft freigelassen. Seinen Wohnsitz hat er seitdem bei einem Freund in Köln, auf einem Kaarster Bauernhof gründet er den Verein „Culture without borders“ (Kultur ohne Grenzen), mit dem er geflüchteten Künstlern helfen will. Achenbach hatte 2003 die Strandbar Monkey’s Island gegründet. Bis 2006 lockte diese Bar mitten im Fluss zigtausende Menschen an, Dutzende Gastronomen kopierten die Idee. Dann musste Monkey’s weg, an dem Platz steht heute ein Hyatt-Hotel. Die Marke Monkey’s gab es noch in mehreren Restaurants, sie überlebte aber nicht, die Lokale gingen alle pleite.
Wenn ich nun von einer Neuauflage spreche, glaube ich nicht an einen neuen Hype wie damals. Dafür ist die Location (noch) nicht spektakulär genug. Das gesamte neue Projekt ist, so scheint es jedenfalls, nicht darauf angelegt, Geld zu verdienen. Denn das darf Achenbach – dessen Bewährung vor ein paar Wochen endete – immer noch nicht. Nach wie vor schuldet er der Witwe des 2012 verstorbenen Berthold Albrecht mehrere Millionen Euro. Dennoch ist das Gefühl von Monkey’s, die sanfte, entspannte Stimmung, wieder da, ein Mittelding zwischen Krombacher-Werbung mit See im Wald und Bacardi-Feeling. Ganz klar: Achenbach, schon immer ein hoch kreativer Mensch, hat es geschafft, eindeutige Erinnerungen zu wecken und wieder Realität werden zu lassen.
Der typische niederrheinische Vierkant-Hof, den ein ehemaliger Kunde dem Verein zur Verfügung stellt, war anfangs verwahrlost. Heute, wenige Jahre später, ist das Gebäude und vor allem das Land drum herum nicht wiederzuerkennen. Auf der Zufahrt grüßen rechts und links im Gras liegende Skulpturen den Besucher. Unter Walnuss- und Kirschbäumen stehen grob gezimmerte Sitzbänke und Tische, auf dem Betonfundament einer früheren Beeteinfassung entstand die nach allen Seiten offene Hütte für ein Mischpult und den DJ, daneben die Bar aus einem früheren Verkaufswagen. Chill-out-Musik ist zu hören, ein vom Verein bezahlter Mitarbeiter aus einem Arbeitsprogramm der Diakonie tuckert auf einem Rasentraktor vorbei und fängt an, die Wiese zu mähen.
Weiter hinten lockt ein mehrere Hektar großes Blütenmeer, ein Paradies für Insekten und Vögel. Kieswege führen hindurch, hier und da stehen mannshohe Skulpturen zwischen üppig wuchernder Natur und aus Metall oder Stein. Am Rand bietet ein Masseur Fußmassagen an, vorher dürfen seine Kunden ihre Füße in großen Tonkrüge mit verschieden parfümierten Wässerchen entspannen. Mehrere hundert Meter lang ist der Pfad der Sinne. Barfuß soll man ihn beschreiten und geht über Gras, Stroh, Steine, Holz, Rindenstücke und anderes Material. Eine interessante Erfahrung zu fühlen, wie empfindlich unsere Fußsohlen sind und wie sie uns mit exakten Erfahrungen versorgen über das, was sie spüren. Passt zum Park der Sinne.
In einem flachen, wenig ansehnlichen Stall, in dem einst Schweine gemästet wurden, sind heute Hühner, Pfauen und Truthähne untergebracht. Tagsüber dürfen sie draußen in einem umdrahteten Gehege herumwuseln, abends finden sie sichere Zuflucht, wo vor wenigen Jahren noch Borstenvieh ein wenig schönes Dasein fristete vor dem Schlachthof. Was macht er mit den Eiern der sicher drei Dutzend Hühner? Wir teilen sie untereinander auf, Gäste bekommen sie geschenkt, sagt Achenbach. Auch der Honig von zwei Bienenvölkern, zwischen den Bäumen emsig umhersummend, ist ein nettes Give-away der Hofbewohner.
Derzeit leben und arbeiten dort ein Bildhauer und eine Malerin aus der Ukraine. Überall sieht man fertige oder fast fertige Skulpturen, in der Scheune hängen Bilder – Schaffenskraft liegt in der Luft. Location und Werke bilden ein Gesamtkunstwerk, das fasziniert. Mitten drin: Helge Achenbach. Er dreht die Musikanalage an und spielt „Hotel California“ von den Eagles. Der Mann ist, wieder mal, mit sich im Reinen. Noch nie, verkündet er, sei es ihm so gut gegangen. Obwohl seine 30 Jahre jüngere Freundin ihn neulich verließ. Jedenfalls räumlich. Sie ist nun in New York. Unglücklich scheint er darüber nicht zu sein.
Nun hat die Bürgermeisterin von Kaarst, Ursula Baum, erneut ihren Besuch angekündigt, mit ihr kommt der Landrat des Rheinkreises Neuss, Hans-Jürgen Petrauschke. Offenbar gefällt beiden, was der frühere Kunstberater da am Rand der sonst eher biederen Stadt Kaarst geschaffen hat. Was er tut, hat also offiziellen Segen. Allerdings noch nicht als gastronomischer Betrieb, aber als Stätte für allerlei Events, bei denen man auch etwas trinken kann. Wird dereinst der Baggersee (in dem dann nicht mehr gebaggert wird) dabei sein, sollen sich Erlebnispfade und Orte für Entspannung rund ums Wasser erstrecken. Ein professionell erstellter Plan an der Wand der früheren Scheune lässt ahnen, was da entstehen könnte.
Dass das im Kaarster Rathaus auf Wohlgefallen stößt, ist kein Wunder. Für die Kommune im Düsseldorfer Speckgürtel tut sich eine neue Perspektive auf. Etwas Vergleichbares gibt es bisher nicht.
Weiterführende Links
Die Entstehung von Monkey’s Island am Rand des Medienhafens habe ich vor wenigen Wochen hier beschrieben. Der Anlass war der neue Podcast von VierNull, „Kohle, Knast und Kaviar“. Dessen erste Folge behandelt den Fall Helge Achenbach. Hören können Sie unseren Podcast zum Beispiel hier.