Gesucht: Der vielleicht vorläufig letzte Mann an der Spitze der Jonges

Düsseldorfs Heimatverein mit 3400 Mitgliedern beginnt, über den nächsten Chef nachzudenken, weil Baas Wolfgang Rolshoven 2025 aufhört. Wer auch immer sein Nachfolger wird – er sollte einige wichtige Fähigkeiten haben. Ein Job-Profil.
Von Hans Onkelbach (Text)
und Andreas Endermann (Foto)
Veröffentlicht am 3. April 2024
Wolfgang Rolshoven
Der Jonges-Vorsitzende Wolfgang Rolshoven neben dem Stuhl, auf dem ab dem kommenden Jahr ein anderer sitzen und die wöchentlichen Heimatabende leiten wird.

Wolfgang Rolshoven ist seit 2012 Vorsitzender (Baas) der Düsseldorfer Jonges. Dass er für nächstes Jahr seinen Rücktritt angekündigt hat, hat mehrere Gründe. Vordergründig will er Platz für einen Jüngeren machen. Aber er will sich auch nicht mehr mit einer zentralen Frage des reinen Männer-Klubs befassen: Wann werden Frauen zugelassen? Rolshoven, den seine Freunde Rolli nennen dürfen, hat seine Meinung nicht versteckt: Er weiß, dass es Zeit wird, auch das andere Geschlecht in der Mitgliedschaft zu akzeptieren. Wegen dieser Meinung haben die Orthodoxen im Verein ihn angegriffen, nun muss sich der Nachfolger damit beschäftigen. Außerdem gehören die folgenden Punkte zum Job-Profil:

Zeit
Die Jonges zu führen, ist ein Ehrenamt. Es gibt also kein Geld dafür. Dennoch ist der Aufwand hoch. Wer auch immer antritt, sollte pro Woche mit 50 bis 70 Stunden rechnen. Viele davon wird er abends einsetzen, weil er viele Veranstaltungen besuchen muss, um die Jonges zu repräsentieren, Kontakte zu pflegen oder zu knüpfen. Infrage kommen also fast nur Personen nach ihrer Berufszeit oder Freiberufler, die flexibler in der Arbeitszeitgestaltung und bereit sind, diese zusätzliche Last zu tragen.

Teamfähigkeit

Ohne eine passende Mannschaft ist die Arbeit nicht zu schaffen. Idealerweise werden zum neuen Vorstand auch jüngere Personen gehören, die wiederum für weitere Mitglieder unter 40 überzeugend sind. Obwohl der Altersdurchschnitt zuletzt sank, sind die Jonges in der Wahrnehmung der meisten Düsseldorfer immer noch ein Klub reiferer Herren.

Kommunikationstalent
Wer die Jonges führt, darf nicht introvertiert sein. Der Job verlangt permanente Kommunikation ins Umfeld, vor allem aber nach innen. Die Mitglieder wollen informiert und bei Laune gehalten werden. Wer jemals an den Heimatabenden (jeden Dienstag ab 20 Uhr) teilgenommen hat, weiß was gemeint ist: Der Dialog zwischen den Mitgliedern und dem Vorstand ist ein andauernder. Für viele ist der Baas wie ein Patriarch, dem sie ihre Sorgen schildern und auf Hilfe hoffen. Das muss man wollen und können.

Auftreten
Rolshoven hat es vorgemacht: Kleider machen Leute. Klingt altmodisch, ist aber wahr. Der Ex-Banker traf stets exakt den richtigen Stil: mal lässig ohne Krawatte, aber stets mit Einstecktuch. Jackett und Hose passten immer zueinander, qualitative Ausreißer nach oben oder unten gab es nicht. Damit wurde er zur Marke.

Netzwerk
Dass der Mann an der Spitze im gesamten Stadtleben erstklassig vernetzt ist, wird vorausgesetzt. Politik, Kultur, Karneval, Hochschulen, Schützen – wer den Verein vertritt, tut das auch dort. Und nicht nur aus Pflicht, sondern mit spürbarer Lust am Zusammensein mit Menschen unterschiedlicher Interessen und Hintergründe.

Starke Nerven
Der Verein ist kein Ponyhof. Stolz darauf, querbeet durch die Gesellschaft zwischen dem Uni-Professor und dem Busfahrer alles unter einen Hut zu bringen, kann diese Vielfalt anstrengend sein. Es prallen Welten aufeinander, die erduldet und kanalisiert sein wollen.

Grundkenntnisse im Düsseldorfer Platt
Spätestens beim Jonges-Lied heißt es Farbe bekennen: Der Song wird auf Platt gesungen. Auch die Begrüßung („N’ovend Jonges“ – „N’Ovend Baas“) erfolgt in Mundart. Das wird erwartet und ist kein Problem. Gut beraten ist jeder, der erst gar nicht versucht, mit angelernten Platt-Brocken Volksnähe zu simulieren. Das fällt umgehend auf und wird nicht goutiert.

Geduld und Härte
Am Ende erwarten die Jonges bei aller Geduld auch, dass der Baas ab einem gewissen Punkt klare Kante zeigt. Rumeiern geht nicht, eindeutige Meinungen sind erwünscht, werden allerdings längst nicht immer geteilt.

Keine politische Ambition
Der Verein ist politisch und religiös wirklich nach allen Seiten offen. Außer bei der AfD: Mit der will man keine Berührungspunkte.

Guter Leumund
Im Grunde selbstverständlich, aber – unausgesprochen – vorausgesetzt: Der Baas darf alles Mögliche gemacht haben, aber sein Ruf muss untadelig sein. Wer Leichen im Keller hat, sollte sich gut überlegen, ob er sich bewirbt. Denn vereinsintern ist die Zahl der Neider auf den Mann an der Spitze nicht klein, und da wird auch gern mal herumgeschnüffelt.

Fazit
Es wartet eine anstrengende, aber auch reizvolle Aufgabe. Amtsinhaber Wolfgang Rolshoven hat einmal gesagt, manche hielten ihn für den Oberbürgermeister Düsseldorfs. Das ist er nicht, aber sein Einfluss in der Meinungsbildung dieser Stadt ist hoch. Manche sagen: zu hoch. Denn es gehe ja nur um 3400 Mitglieder. Aber die kommen halt aus allen Teilen der Stadtgesellschaft, und sie haben Familien, Freunde, Kollegen und Mitarbeiter. Also ist der Verein in sich schon ein großes Netzwerk. Nimmt er schließlich Frauen auf, wird sich das nochmals steigern. Dass es so weit kommt, gilt als sicher. Das weiß auch der neue Baas.

Und vielleicht folgt ihm ja nach einigen Jahren sogar eine Frau in diese Position.

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