Kommen sieben Engländer auf ne Baustelle in Düsseldorf

Eine britische Serie, die überwiegend in Düsseldorf spielt, aber überwiegend nicht in Düsseldorf gedreht wurde – dieses zumindest für Engländer überzeugende Kunststück gelang in den 80ern „Auf Wiedersehen, Pet“.
Veröffentlicht am 13. April 2022
Britische TV-Serie ãAuf Wiedersehen, PetÒ
Die Serie "Auf Wiedersehen, Pet" spielt in Düsseldorf, wurde aber überwiegend in England und Hamburg gedreht. Unser Fotograf Andreas Endermann zeigt es mit dem Vergleich zweier Straßen und der Fernsehtürme.

Neville ist ein höflicher Engländer. So höflich, dass ein Freund über ihn sagt, er würde sogar Hitler in seinem Auto mitnehmen. Der Mann mit den weichsten Gesichtszügen der Welt neigt allerdings auch zu schweren Gedanken. Und so sagt er eines Tages zu seinen Kollegen: „God, what a depressing place. Sunday night in a hut in Dusseldorf.“ So hat sich der Maurer das mit dem Geldverdienen in Deutschland nicht vorgestellt.

Einige Wochen zuvor hat er mit seinen Freunden Dennis und Oz die Heimat verlassen, um auf einer deutschen Baustelle zu arbeiten. Großbritannien steckt Anfang der 80er in einer Wirtschaftskrise, die Zahl der Arbeitslosen ist hoch. Noch auf der Fähre nach Holland schreibt er seiner Frau eine Postkarte, in der er seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausdrückt. Düsseldorf sei der beste Ort, sagen seine Freunde. „Old town, it‘s got all the good bars.“ Dass es dort auch das beste Bordell des Landes geben soll, ist ihm, dem treuen Ehemann, herzlich egal. Hauptsache, er verdient gutes Geld, das er nach Hause schicken kann. Doch die Ernüchterung folgt zügig. Weil es sonst keinen Platz mehr gibt, müssen die Freunde in einer Holzbaracke auf der Baustelle übernachten. Sie kommen sich vor wie in einem deutschen Kriegsgefangenenlager im Zweiten Weltkrieg.

Am 11. November 1983 strahlte der britische TV-Sender ITV die erste von 13 Episoden der Serie „Auf Wiedersehen, Pet“ aus. Sie erzählt dem heimischen Publikum vom Leben sieben englischer Bauarbeiter in Düsseldorf. Geschätzte 30.000 Briten arbeiteten Anfang der 80er auf deutschen Baustellen „on the lump“, mussten also keine Steuern und Krankenversicherung im Gastland abführen. Ein Problem haben Dennis, Neville, Oz, Wayne, Barry, Bomber und Moxey weniger mit den Deutschen, den „Erics“, oder den deutschen Chefs, auch wenn der eine selbstverständlich aussieht wie Siegfried (Drachentöter oder Magier) und der andere wie ein SS-Offizier – nein, es ist die Langeweile und das Heimweh fernab ihres geliebten Englands. „Auf Wiedersehen, Pet“ ist das, was man auf Gutdeutsch „Dramedy“ nennt, mal heiter, mal ernst. Wenn sie auf der Baustelle, auf der sie im Gegensatz zu den deutschen Kollegen weder Helm noch Arbeitskleidung tragen, nicht gerade eine britische Fliegerbombe finden, stürzen sie sich ins Nachtleben, bemühen sich um eine deutsche Freundin oder versuchen, in einem Sarg heimlich Pornofilme nach England auszuführen. Weil das allerdings eher mittelgut klappt, hocken sie doch meistens in ihrer Wohnbaracke. Düsseldorf allerdings bekommen weder die Protagonisten noch die Zuschauer:innen kaum zu Gesicht.

Um das zu verstehen, muss man zunächst wissen, warum der Erfinder der Serie überhaupt auf Düsseldorf kam, das den Engländern doch so viel schwerer über die Lippen geht als Cologne oder Munich. 1977 besuchte der Filmemacher Franc Roddam sein Heimatdorf bei Newcastle und stellte fest, dass viele der männlichen Einwohner gerade auf Baustellen in Deutschland arbeiteten. Das hat Potential für eine Serie, dachte er und machte sich an die Arbeit. Einer dieser Bauarbeiter, der Maurer Mick Connell, beriet das Fernsehteam und führte den Drehbuchautor Ian La Frenais durch die Stadt, in der er gearbeitet hatte. „Mick nahm mich und den Produzenten Martin McKeand mit nach Düsseldorf, um Baustellen zu besuchen und mit britischen Arbeitern zu sprechen“, erklärt La Frenais heute. Die Serie wurde ein großer Erfolg. Elf Millionen Zuschauer schalteten bei der Premiere  ein.  Das British Film Institute wählte „Auf Wiedersehen, Pet“ auf Platz 46 der besten britischen TV-Produktionen aller Zeiten.

Obwohl die Serie in Düsseldorf spielt, ist sie in Deutschland nahezu unbekannt. Nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt es. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie nie in Deutschland ausgestrahlt wurde. Eine Fassung mit deutscher Synchronisierung existiert nicht. Das allerdings ist auch besser so. Dem deutschen TV-Publikum wäre nicht lange verborgen geblieben, dass die Serie meistens nur so tut, als würde sie in Düsseldorf spielen. Was nicht nur daran lag, dass überwiegend im Studio oder auf dem Studiogelände gedreht wurde. Das stand in England in der Nähe von London. Deshalb wurden auch die meisten Deutschen von Engländern gespielt. Ihr Deutsch war zwar fehler-, aber nicht akzentfrei. Englisch hatten sie dann mit zackigem deutschem Akzent zu sprechen. Für die Serie wurde auf dem Gelände sogar eine deutsche Baustelle mit deutschen Steinen und deutschem Toilettenhäuschen nachgebaut. Die Szenen in der Düsseldorfer Stammkneipe wurden im Studio gedreht. Auch wenn dort schon mal das „Altbierlied“ („Wir haben in Düsseldorf die längste Theke der Welt“) lief, wäre die Illusion, in Düsseldorf zu sein, für deutsche Zuschauer rasch zerfallen. Dennis, Neville und Konsorten trinken fast ausschließlich aus grünen Beck‘s-Flaschen, die auch gerne mal in einem Kasten Henninger Bräu stehen. Dass in Düsseldorf viel Alt konsumiert wurde, musste den Filmemachern bei der Recherche entgangen sein.

Es ist nicht so, dass gar nicht in Düsseldorf gedreht wurde. In der letzten Einstellung des Vorspanns sind Rhein, Rheinturm und die Rheinkniebrücke zu sehen. Eine Szene immerhin spielt sogar am Rhein. Sie gehen im Stadtbad Unterrath schwimmen, am Luegplatz hält eine Straßenbahn, einer kauft auf der Flingerstraße ein, sie sitzen vor der Pegeluhr. Im „Uerige“ zettelt einer der Engländer eine Schlägerei an, diesmal trinken sie sogar Altbier. Besonders viel Zeit können sie in der Kneipe allerdings nicht verbrachten haben. Der damalige Uerige-Chef Josef Schnitzler erinnert sich nicht mal an die Dreharbeiten.

Doch wenn in Deutschland gedreht wurde, dann meist in einer anderen Stadt. „Hamburg muss ausgewählt worden sein, weil man uns dort eine Baustelle zur Verfügung stellte“, sagt Drehbuchautor Ian La Frenais. Genau genommen stand die im benachbarten Norderstedt und musste für alles herhalten, was an Baustellen-Szenen nicht in England gedreht wurde. Das erklärt auch das merkwürdige Schild vor der Studiobaustelle, das in der Serie zu sehen ist: „Stadtwerke Norderstedt Ihr Betriebsgebäude mit Blockheizkraftwerk Düsseldorf“. Wenn man schon mal mit dem Team in der Nähe von Hamburg war, konnte man dort auch gleich diverse Szenen drehen, auch wenn die Serie keine Sekunde in Hamburg spielte. So fährt Bauarbeiter Barry minutenlang mit seinem Motorrad durch die Stadt, vorbei an Sexkinos und „Holsten“-Schildern. Wayne kauft einen Anhänger von einem Juwelier, von dem noch nie ein Düsseldorfer gehört hat. Deutsche Zuschauer:innen lernen mehr über das Deutschlandbild der Briten als über Deutschland und Düsseldorf.

Doch die Serie sollte schließlich nur Briten überzeugen, dass sie in Düsseldorf spielte. Allerdings könnten auch diesem TV-Publikum in der ein oder anderen Szene leise Zweifel gekommen sein. In einer Szene ist der Hamburger Fernsehturm zu sehen, ein nicht gerade unbekanntes Wahrzeichen der Stadt, kurz darauf fährt ein Taxi ins Bild. Das „HH“ auf dem Nummernschild ist auch dann deutlich zu erkennen, wenn man nicht auf die Pause-Taste drückt. In einem Auto mit einem Hamburger Nummernschild unternimmt die Bauarbeiter-Truppe auch einen kleinen Tagesausflug nach Zons.

Es wurden noch drei weitere Staffeln von „Auf Wiedersehen, Pet“ gedreht, die die trinkfesten Engländer durch die ganze Welt führen, aber nicht mehr nach Deutschland. Die letzte Staffel spielt in Kuba. Weil das Team dort allerdings nicht filmen durfte, verlegte es die Dreharbeiten in die Dominikanische Republik.

Weiterführende Links

Diese englischsprachige Fanseite listet alle Drehorte von „Auf Wiedersehen, Pet“ auf.

Die Folgen der Serie findet man auf Youtube.

Wie schlecht es ausländischen Arbeitskräften in Deutschland heutzutage ergeht, schildert dieses Radio-Feature der ARD.


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