Meine letzte Nacht im Schickimicki

Es ist Samstagabend. Es nieselt. Es ist kalt. Und ich stehe allein in einer Seitenstraße der Düsseldorfer Altstadt. Links von mir kontrollieren zwei Männer den Eintritt in ein unscheinbares Haus. Über ihnen schimmert ein S im matten Rotlicht. Hinter dem Schild will ich in dieser Nacht ein letztes Mal feiern. Bevor das Schickimicki zum Monatsende schließt.
23:24 Uhr Backstreet Boys – „I Want It That Way“
Dieser Text ist eine Anmaßung. Der Club, über den ich schreibe, hat im Sommer sein Elfjähriges gefeiert. Als er eröffnet wurde, habe ich in Aachen gewohnt. Danach in Andernach, Mainz, Berlin, Istanbul und Bonn. Ich war auch einmal für ein Wochenende in Düsseldorf. Ich trank Killepitsch und Altbier. Meine Nacht endete im Ballermann 6. Dass es das Schickimicki überhaupt gibt, wusste ich bis Ende 2017 nicht.
23:34 Uhr Depeche Mode – „Just Can’t Get Enough“
Es dauert nur fünf Minuten und ein halbes Pils, bis ich meine Idee erstmals hinterfrage. Der DJ spielt Mainstream-Pop. Auf der Mitte der Tanzfläche singen sich sechs Männer gegenseitig an. Sie haben mit ziemlicher Sicherheit bereits den Nachmittag in der Altstadt verbracht. Ich stelle mich an den Rand der Tanzfläche und frage mich, ob ich jemals vor Mitternacht hier war.
00:01 Uhr Liquido – „Narcotic“
Als ich vor sechs Jahren nach Düsseldorf zog, wusste ich schon, dass ich privilegiert aufgewachsen war. Meine ersten Nachtleben-Erfahrungen habe ich in Koblenz gesammelt. Für mich war es normal, dass die Kneipen vor allem Rock spielten und dabei etwas mitgenommen aussahen. Im Club, in dem ich damals Stammgast war, wurde die immer gleiche Alternative-Rock-Liste aufgelegt. Irgendwann konnte ich die Nächte danach planen. Ich wusste, wann sich die Tanzfläche und wann der Raucherraum mit der Bar lohnte. Das gefiel mir. Als ich das erste Mal ins Schickimicki kam, hat es mich gleich an die Zeit in Koblenz erinnert.
00:07 Uhr Abba – „Dancing Queen“
Die Musikauswahl heute ist vollkommen wirr. Denke ich zumindest zuerst. Dann habe ich das Gefühl, dass sie einer höheren Idee folgt. Auf der Tanzfläche sehe ich um kurz nach Mitternacht eine stark geschminkte Frau im eleganten Abendkleid, ein junges Pärchen in schwarzen Kapuzenpullis und einen Mann über 50 in Unterhemd, kurzer Karohose und mit weißen Strümpfen in den Sandalen. Eine unmöglich breite Zielgruppe. Dass der DJ es innerhalb einer Viertelstunde schafft, Taylor Swift, a-ha, Lenny Kravitz, Cro, Beatsteaks und Die Prinzen aufzulegen, erscheint mir plötzlich logisch. Das Konzept ist, niemanden im Raum so lange zu enttäuschen, dass er oder sie nach Hause geht.
00:31 Uhr Bill Medley, Jennifer Warnes – „Time Of My Life“ (Elektro-Remix)
Heute kann ich gar nicht mehr genau sagen, wann ich das erste Mal im Schickimicki war. Es muss kurz nach dem Umzug nach Düsseldorf gewesen sein. Überhaupt war das eine Zeit, in der ich viel häufiger feierte als jetzt. Ich weiß aber noch, was mich an dem Laden gleich überzeugt hat. Er war klein, eng, vollgeklebt mit Stickern, wirkte vollkommen unprätentiös. Mehr Koblenz als Düsseldorf. Eine Stadt, an die ich mich gerade noch zu gewöhnen versuchte. Und die mich sonst am Abend wahlweise mit Schlager-Mannschaftstour-Clubs (kannte ich ja schon) und Bars mit Dresscode irritierte.
00:42 Uhr Daft Punk – „Around The World“
Um kurz vor eins steuert die Stimmung im Club langsam auf ihren Höhepunkt zu. Die Playlist schwankt irgendwo zwischen Pop und House, und die Tanzfläche ist so voll, dass jeder Weg zur Bar schwierig wird. Nur mit Mühe finde ich mit einem neuen Bier auf der kleinen Empore zwischen DJ-Pult und einer sehr laut eingestellten Box einen halbwegs entspannten Randplatz. Ganz in der Nähe zu dem Mann im Unterhemd, der gerade mit Reparaturarbeiten beschäftigt ist. Ein mit Panzertape und Stickern verklebtes Stromkabel hat sich von der Wand gelöst und hängt nun ein gutes Stück herunter in den Gang.
1:00 Uhr Drunken Masters & Maxim K.I.Z. – „Bier“
Wenn mich nun Freunde in Düsseldorf besuchten, war das Schickimicki eine gute Abendversicherung. Ich wohnte damals in Flingern. Dort gab es ein paar gute Kneipen. Irgendwann gegen Mitternacht stellte sich jedoch meist die Frage: nach Hause oder in die Altstadt? Wenn wir wollen, können wir da nachher auch noch tanzen gehen, warb ich häufig für die zweite Variante. Kein Schlager. Kein RnB. Und ja, kostenlos.
1:38 Uhr Joost Klein, Otto Waalkes und Ski Aggu – „Friesenjung“
Ein Mann kommt von der Toilette zurück. Während er auf dem Weg zu seiner Gruppe über die Tanzfläche geht, packt ihm ein anderer Mann von hinten an den Hals und ruft „Macher!“. Links und rechts von den beiden wird geknutscht. Das Publikum ändert sich. Einige sind nach Hause gegangen, andere kommen gerade erst an. In allen Ecken des Clubs türmen sich nun die Jacken.
1:56 Uhr The Killers – „Mr. Brightside“
Es gibt ein paar Details, die mir am Schickimicki direkt gefielen. Die mit „Für Schickimicki“ unterschriebene Autogrammkarte Lucien Favres hinter der Theke (in Düsseldorf!), das Schild mit der Aufschrift „Wir weisen euch darauf hin, dass Alkohol Alkohol enthält!!!“, der Aufkleber hinter dem DJ-Pult, auf dem „Nix mit Wünschen Freunde“ steht und natürlich der überlebensgroße Comic-Jesus auf der Wand gegenüber, der einen Becher mit dem Club-Logo in seiner Hand hält.
2:14 Uhr The Offspring – „Self Esteem“
Die Songs werden nun ausgespielt. Die Zeit der Remixes ist erstmal vorbei. Eine knappe Stunde lang ändert sich nicht einmal das Genre. Das bleibt im weitesten Sinne Rock. Pink Floyd, Billy Talent, Die Toten Hosen, 4 Non Blondes. Das Knutschen hat nachgelassen, das Mitsingen stark zugenommen. Im Refrain dreht der DJ nun immer wieder die Regler runter. „And I say, hey yeah yeah-eh-eh, hey yeah yeah. I said hey, what’s going on?“, schallt es dann durch den Raum. Ich muss mich entscheiden: letzte U-Bahn oder noch einen Whiskey-Cola? Er schmeckt.
2:52 Uhr Mariah Carey – „All I Want For Christmas Is You“
„Shameless Saturday“ heißt die Party, die hier zum letzten Mal stattfindet. Eine Woche vor der endgültigen Abschiedsfeier. Dabei werden die 90er, 2000er und ein wenig die 80er aufgelegt, heißt es auf dem Flyer, der gleich neben den Toiletten in einem kleinen Wandregel ausliegt. Darunter steht der Hinweis „Open Format Music“, den ich mir nur so erklären kann: Es gibt kein System. Es ist eine Nacht für alle. Eine Nacht für niemanden. Ich stolperte wohl meistens gegen 2 Uhr morgens ins Schickimicki. Also dachte ich fortan, dass hier Rock gespielt wird.
2:57 Uhr Querbeat – „Nie Mehr Fastelovend Ohne Dich“
Um kurz vor drei sind sämtliche musikalischen Grundregeln außer Kraft gesetzt. Dass Mariah Carey die Vorweihnachtszeit einläutet, löst irritierte Gesichter am Rand und Gruppenumarmungen in der Mitte der Tanzfläche aus. Fünf Minuten später beginnt erstmals in der Düsseldorfer Geschichte der Kölsche Karneval. Alles egal, Hauptsache mitsingen. Es ist die Zeit, in der eine wilde Mischung die Reste zusammenhält. Sobald ein Lied nicht funktioniert, werden alte und neue Bekannte umarmt, Haare gerichtet, Jacken zusammengesucht. Es wird leerer. Langsam. Ein Pärchen tanzt so intensiv, dass in fünf Meter Umkreis niemand mehr sicher ist.
3:08 Uhr The Cure – „Boys Don´t Cry“
Als ich gelesen habe, dass das Schickimicki schließt, war ich schon eine ganze Weile nicht mehr dort gewesen. Wie lange genau, kann ich gar nicht sagen. Trotzdem war ich sofort traurig. Weil es mir wichtig war, dass es diesen kleinen schmuddeligen Club in der Altstadt weiterhin gibt. Ich hatte dort ein paar wirklich gute Nächte erlebt. Sofort fielen mir Geschichten ein, die sich auf dieser winzigen Tanzfläche abgespielt hatten.
3:27 Uhr Linkin Park & Jay-Z – „Numb Encore“
Ein junger Mann mit weißer Nike-Winterjacke, weißer Brille und halbvollem Bierglas in der Hand geht auf die Tanzfläche. Dort bewegt er seinen rechten Arm so, als dirigiere er damit die Bewegungen der anderen Gäste. Der Mann, der eben noch so wild mit seiner Begleitung getanzt hatte, geht ratlos suchend den Club ab. Zwei Minuten später ist er verschwunden. Nun geht die Begleitung ratlos suchend den Club ab.
3:41 Uhr Sportfreunde Stiller – „Ein Kompliment“
Dass mir das Ende des Schickimicki nahegeht, liegt nicht nur an diesem Club. Als ich nach Düsseldorf gezogen bin, habe ich gerne im immer halbleeren Stone getanzt. Ich war Stammgast in der Kassette. Beide gibt es nicht mehr. Die Oasen für Menschen wie mich werden weniger. Der Mainstream gewinnt. Als ich 25 wurde, schloss auch mein Stammclub in Koblenz für immer. Es war, als sei an diesem Tag meine Jugend endgültig vorbei gewesen.
4:06 Uhr Touch & Go – „Would You Go To Bed With Me?“
Es ist kurz vor halb fünf, der DJ posiert gerade mit einer Frau für ein Erinnerungsfoto, als ich mich entschließe, den Club zu verlassen. Ein junger Mann mit weit aufgeknöpftem weißem Hemd und Weinglas in der Hand hält mir die Tür nach draußen auf. Dort sitzen vier Menschen auf einer Bank. Ihre Biergläser sind voll. Die Nacht ist für sie noch nicht vorbei. Während ich mich langsam Richtung U-Bahnhof bewege, wird drinnen gesungen. „You make me wanna love, you make me wanna fall. You make me wanna surrender my soul.“
4:27 Uhr Blue – „U Make Me Wanna“
Ob das Ende wirklich ein Ende ist, steht noch nicht endgültig fest. Es gibt wohl Hoffnung, dass das Schickimicki von neuen Betreibern so oder so ähnlich weitergeführt wird. Ich kann nicht versprechen, dass ich dann regelmäßig wiederkomme. Aber ein gutes Gefühl wäre es schon.
Letzter Termin
„Best of 11 Jahre Schickimicki Club“: Samstag, 25. November, ab 22 Uhr, Eintritt frei