Sternenkinder Friedhof
Das Gräberfeld für die Sternenkinder auf dem Nordfriedhof. Für viele Eltern ein wichtiger Ort für ihre Trauer. Foto: Andreas Endermann

Trauer um Kinder, die starben, bevor sie leben durften

Sie heißen Sternenkinder. Ihr Leben endete schon vor, während oder kurz nach der Geburt. Auf dem Nordfriedhof gibt es für sie ein eigenes Gräberfeld. Betroffene Eltern wissen oft gar nicht, dass es das gibt. Wie wichtig dieser Ort für sie ist, erzählt uns eine Mutter.
Veröffentlicht am 10. Januar 2023

Iris Ferreira kann sich noch gut an den Moment erinnern, als sie dem Standesbeamten die Geburtsurkunde ihres Sohnes überreichte. Er wollte ihr gratulieren, als er bemerkte, dass darin auch der Tod des Jungen vermerkt war. Die Worte blieben ihm im Halse stecken, er wusste nicht, was er sagen sollte. Seine Reaktion bereitete sie darauf vor, wie die Gesellschaft mit trauernden Eltern umgeht. „Die meisten wissen nicht, wie sie reagieren sollen“, sagt sie. 

Iris Ferreira ist Mutter eines Sternenkindes – so nennt man Babys, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. 2013 wurde ihr Sohn Sebastian in der 23. Schwangerschaftswoche tot geboren, er war schwer krank und nicht überlebensfähig. Die Zeit nach der Geburt beschreibt Iris Ferreira heute als schmerzhaft. Denn Unwissenheit und Unsicherheit erlebten sie und ihr Mann nicht nur vom Standesbeamten, sondern auch von Freunden und Bekannten. Trauer von Sterneneltern wird oft nicht ernst genommen, weil das Kind nicht gelebt hat. „Es ist schwer, Außenstehenden klarzumachen, dass die Gefühle des Verlustes trotzdem da sind“, sagt sie. 

Obwohl sie Sebastian nicht kennengelernt haben, gehört er fest zur Familie. Sie sind zu viert: Iris, ihr Mann, Sebastian und sein kleiner Bruder David. Jedes Jahr an seinem Geburts- und Todestag, dem 21. März, fährt die kleine Familie auf den Nordfriedhof, dort ist Sebastian begraben. Bunte Wimpel, Spielzeug, Windräder und eine Stele in der Mitte machen den Sternenkinder-Friedhof aus. „Es ist bunt und fröhlich, so wie Kinder auch sind“, sagt die 51-jährige Ferreira. Seit 2003 gibt es in Düsseldorf das Gräberfeld für Sternenkinder, das auf Initiative der Ökumenischen Hospizgruppe Gerresheim entstanden ist. 

Für Initiatorin Inge Müller ist das keine Selbstverständlichkeit. Als sie die Idee umsetzen wollte, gab es in der Umgebung nur in Köln einen Sternenkinder-Friedhof. „Statistiken dazu gibt es nicht, mittlerweile sind es sicherlich mehr“, sagt Müller. Dass aber viele Eltern nach 20 Jahren immer noch nicht wissen, dass es ein solches Angebot überhaupt gibt, zeigt ihr, dass immer noch zu wenig über Sternenkinder gesprochen wird. Außerdem wurde das Projekt „Gehalten im Verlust“ vom Hospiz Regenbogenland und dem Geburtshaus Düsseldorf gegründet. Ziel ist die Beratung von Frauen und Paaren, die einen Verlust in der frühen oder späten Schwangerschaft oder auch nach der Geburt erlebt haben. 

Einen kleinen Fortschritt kann Müller aber feststellen. Pro Quartal wurden in den Anfängen des Projekts um die 35 Kinder bestattet, heute sind es durchschnittlich um die 130 Kinder. Mittlerweile sind über 3000 Kinder auf dem Nordfriedhof begraben. Dass sich der Umgang mit Sternenkindern langsam wandelt, hat auch mit der Gesetzgebung zu tun. Seit 2013 besteht für Totgeborene über 500 Gramm eine Bestattungspflicht. Krankenhäuser müssen betroffene Eltern darauf hinweisen, dass sie ihr Kind bestatten lassen können. Wenn die Eltern sich dafür nicht entscheiden, müssen die Krankenhäuser als Kostenträger die Bestattung übernehmen. „Aber diese Kosten fallen in den Krankenhäusern nicht an, weil der Arbeitskreis, der dieses Projekt trägt, die Kosten dafür übernimmt“, sagt Müller. Seit der Gesetzesänderung können Eltern ihrem Kind außerdem einen Namen geben und sich eine Geburtsurkunde ausstellen lassen. 

Sternenkinder Friedhof
Der Satz beschreibt, wie es den Eltern der Sternenkinder geht. Foto: Andreas Endermann

Davor war die Realität anders. Bis 2013 galten Totgeborene mit einem Gewicht von unter 500 Gramm als Fehlgeburten und wurden personenstandrechtlich nicht erfasst. Damit waren sie juristisch nicht existent und wurden als „Kliniksondermüll“ verbrannt. Durch den Einsatz von Elterninitiativen und Petitionen wurde diese unwürdige Praxis im Bestattungsrecht verändert. Krankenhäuser sind seitdem verpflichtet, alle Föten jeder Größe beerdigen zu lassen. Anonym, aber unter würdigen Bedingungen. 

Die Beerdigung so würdevoll wie möglich zu gestalten, hat sich Inge Müller fest vorgenommen. Einmal im Quartal findet eine Sammelbestattung statt. Der Sarg wird von einem Bestatter gespendet, der die verstorbenen Kinder aus den Krankenhäusern abholt. Zur Bestattung findet außerdem ein Trauergottesdienst für die Eltern statt. Der Gottesdienst ist an keine Religion gebunden und für alle offen. Das sei wichtig, da in den vergangenen Jahren immer häufiger muslimische Eltern das Angebot in Anspruch nehmen, so Müller. Sie dürfen in Absprache mit dem Bestatter ihre Rituale mit in den Gottesdienst einbringen. Häufig nimmt dann ein Imam teil, der ein Gebet spricht. Auch einige russisch-orthodoxe Eltern haben ihre Kinder auf dem Sternenkinder-Friedhof beerdigt und ihre Rituale mit eingebracht. „Das sind sehr schöne Gottesdienste, in denen sich die Eltern gebührend verabschieden können“, sagt Müller. Die betroffenen Eltern haben außerdem die Möglichkeit, einen kleinen Stein zu gestalten und ihn auf die vorgesehene Stelle zu legen.  

Einen Ort zu haben, an denen sie zurückkehren und trauern können – das ist für Betroffene wichtig, um mit dem Verlust umzugehen. Iris Ferreira kann sich nicht vorstellen, wie es wäre, wenn sie Sebastian nicht besuchen könnte. „Der Sternenkinder-Friedhof gibt mir Trost und Hoffnung. Ich brauche den Ort für mein Herz“, sagt Ferreira.  

Und trotzdem fehle immer noch ein großer Teil, der die Aufarbeitung des Verlusts einfacher machen würde: Die Wahrnehmung in der Gesellschaft. „Sternenkinder-Eltern haben keine Lobby“, sagt Inge Müller. Auch Iris Ferreira wird nie vergessen, wie unbeholfen ihre Umwelt auf den Tod ihres Kindes reagierte. „In der Trauerrede sagte der Seelsorger einen Satz, den ich nie vergessen werden: ‚Ich segne dich dafür, dass du mit mir sprichst‘. Es ist eigentlich so einfach“, sagt sie.

Nach Sebastians Tod hat sie eine Gesprächsgruppe für Sternenkinder-Eltern gegründet, doch nach einiger Zeit kamen die Betroffenen nicht mehr. Bis heute kann sie nicht verstehen, warum niemand darüber spricht und niemand richtig zuhört. Sie habe damals keine Trauerbekundungen oder andere große Gesten erwartet. „Manchmal ist Trost einfach nur Verständnis“, sagt sie. 

Weitere Geschichten zum Thema Trauer

Über den besonderen Waldfriedhof in Meerbusch: Waldfriedhof in Meerbusch: Am Ende zurück zu den Wurzeln

Über eine Beerdigung ohne Trauergäste: Einzig und allein

Über Geschichte, die Grabsteine erzählen: Wo Steine Geschichten erzählen


Lust auf weitere Geschichten?