Cheese & More in der Düsseldorfer Altstadt
Alles Käse – oder was? Gehen Sie mal rein, Sie werden sich wundern. Eins vorab: Es ist nicht alles Käse, auch wenn es so aussieht und schön leuchtet.

So ein Käse mitten in der Düsseldorfer Altstadt

Seit kurzem findet sich an der Ecke Flinger Straße/Neustraße ein Stück Niederlande. Cheese & More bietet ausgefallene Sorten mit Bier, Sekt und Lavendel an. Warum es so schwer ist, diesen Laden mit leeren Händen zu verlassen.
Veröffentlicht am 6. Oktober 2023

Christian ist doch ein Romantiker, das denke ich an diesem Abend Ende September, als ich die Mail meines Redaktionsleiters lese. Er wünscht sich eine Geschichte über den neuen Käseladen Cheese & More, der kürzlich in der Düsseldorfer Altstadt eröffnet hat. Christian bittet mich, „das optische Phänomen“ zu beschreiben. Sieht irre aus, besonders bei Einbruch der Dunkelheit, meint er und ich verstehe erstmal gar nichts. Was meint er?

Christian hat mich neugierig gemacht. Einige Tage später schaue ich mir Cheese & More aus der Nähe an. Schon aus der Ferne kann ich das Haus an der Ecke Flinger-/Neustraße entdecken. Der Anblick ist beeindruckend: In allen Schaufenstern an der kompletten Hausfassade sind Käselaibe bis zur Decke aufgestapelt. Noch prächtiger ist das bei Dunkelheit, denn der Käse ist beleuchtet. Ein echter Hingucker. Um die Optik in voller Pracht zu genießen, empfehle ich folgenden Weg: Bitte nähern Sie sich dem Geschäft von der Heinrich-Heine-Allee kommend, dann läuft man über die Flinger Straße direkt darauf zu.

Was mich drinnen erwartet, ist bei der Außenreklame also klar: Käse. Wer das Geschäft betritt, ist dann fast etwas überrascht, wie klein die Ladenfläche ist. Ein kleiner Rundgang: Ganz links steht ein Regal mit Geschenkboxen: Käse mit Senf, Käse mit Wein, Käse mit Brettchen und Hobel. Daneben steht ein Kühlschrank mit vielen kleinen Käselaiben. Alle haben dieselbe Größe, aber unterschiedliche Farben: rot, orange, lila, gelb, grün, blau. Es gibt jungen Gouda, Edamer, Trüffel, Knoblauch, grünes Pesto, Bier, Kokosnuss, Sekt und vieles mehr. Einen kleinen Laib mit 380 Gramm Käse gibt es hier ab 13,95 Euro. Weiter hinten steht noch mehr Käse, ein Regal mit Wein und Bier, mit Zubehör wie Käsereiben und -messer, daneben finden sich Dinge, die sich zusammen mit Käse gut genießen lassen: Nüsse, Cracker, Chips, Schokolade, Senf und Marmelade. Aber aufgepasst: Diesen Laden sollte man möglichst nicht hungrig betreten.

Cheese & More gehört zu dem Unternehmen des niederländischen Milchbauern Henri Willig. Stammsitz ist Katwoude, ein kleines am Ijsselmeer gelegenes Dorf, nordwestlich von Amsterdam. Seit 1974 stellt Willig seinen eigenen Käse her. Inzwischen haben Willigs Söhne die Leitung des Familienbetriebs übernommen. Der Firmengründer sei aber immer noch oft auf dem Bauernhof und wohne nicht weit entfernt, erzählt Store-Manager Leo Borst. Alle Käseprodukte stammen von einem der drei familieneigenen Bauernhöfe, die übrigen Produkte werden für Henri Willig produziert. Mit wenigen Ausnahmen kommen alle Artikel im Laden aus den Niederlanden, so Borst, eine Weinsorte ist aus Mazedonien, das Feigenbrot aus Spanien.

Es ist gut möglich, dass Sie das Logo der Kette schon mal gesehen haben. Es zeigt das Gesicht des jungen Henri Willig. In den Niederlanden gibt es zwölf Geschäfte, seit 2019 expandiert der Betrieb fleißig in Deutschland. Nach Berlin, Frankfurt am Main, Köln, München und Münster eröffnete in Düsseldorf in diesem Sommer schon die sechste Filiale. Nach dem Warum muss man nicht fragen. Düsseldorf ist bei Holländern nicht nur in der Weihnachtszeit ein gefragtes Ziel, andersherum ist das Nachbarland bei Menschen aus Nordrhein-Westfalen ein beliebtes Urlaubsland. Ein kleines Stück Niederlande in der Düsseldorfer Altstadt wird nicht dafür sorgen, dass sich daran etwas ändert.

Borst führt mich umher. Die Käsefamilie, wie es auf der Internetseite des Unternehmens heißt, hat das ganze Gebäude gemietet. Hier ist auch jenseits des Ladenlokals noch jede Menge Platz. Borst druckst etwas herum und mag noch nicht verraten, ob und wie der womöglich künftig noch genutzt werden wird. In den Geschäften in Den Haag und Amsterdam werden auch Käseverkostungen angeboten.

Die vollen Kapazitäten nutzt Cheese & More in Düsseldorf bisher lediglich für die Außendarstellung. Die mit Käse gefüllten Schaufenster helfen, um draußen Aufmerksamkeit zu erregen. Von innen kann ich mir das aus der Nähe ansehen: Der Käse im Schaufenster versperrt die Sicht nach draußen. Die Laibe sind nicht gestapelt, wie man von außen denken mag, sondern liegen auf dünnen Regalböden: alle auf den Zentimeter genau akkurat übereinander. Ich klopfe mit einem Finger gegen einen der Käselaibe und bin überrascht. Ist der echt? Nein, sagt Store-Managerin Susanne Cipolla und lacht. „Das würde gar nicht gehen wegen der Hitze. Wenn das echter Käse wäre, würde das alles zerlaufen“, sagt sie. Wir sind also auf eine optische Täuschung hereingefallen, und viele Passanten draußen womöglich auch. Hoffentlich ist Christian nicht enttäuscht, denke ich. 

In den Schaufenstern liegen insgesamt 720 Käse-Attrappen, alle mit LEDs versehen. Umso dunkler es draußen ist, desto intensiver ist die Beleuchtung, die per Zeitschaltung erfolgt. Vielen wird das womöglich gar nicht auffallen. Die Käselaibe befinden sich in der zweiten, dritten und vierten Etage, wo die Kunden gar nicht hinkommen. Es ist am Ende auch egal. Dass der Käse im Schaufenster nicht echt ist, wird nicht dafür sorgen, dass Kunden das Geschäft empört verlassen.

Das liegt auch daran, dass Cheese & More es einem schwermacht. In dem Käse-Laden kann man nicht nur umhergehen und gucken, es gibt reichlich zum Naschen. Besucher können verschiedene Käsesorten probieren, die in der Mitte des Geschäftes auf kleinen Tischen bereitliegen, je nach Vorliebe kombiniert mit Senf, Marmelade oder Dips. Borst reicht mir ein Stück Käse mit einem Glühwein-Dip. Kurz später spricht er eine Besucherin an. „Hallo. Kann ich Ihnen ein Stück Gouda anbieten?“ Als die Frau ihn fragend anschaut, stellt er die Frage nochmal auf Englisch.

Käse hat auch im Jahr 2023 nichts von seiner Faszination eingebüßt. Das klingt selbstverständlicher als es ist. Der ökologische Fußabdruck von Käse ist nicht so schlecht wie der von Rindfleisch oder Butter, aber alles andere als gut. Würde man die Auswirkungen auf Boden, Klima, Wasser und Gesundheit einbeziehen, würde die 300-Gramm-Packung Maasdamer im Supermarkt nicht 2,49 Euro kosten, sondern knapp das doppelte. Das haben Wissenschaftler der Universität Greifswald berechnet. Als ich die Store-Manager von Cheese & More auf das Klima-Thema anspreche, erfahre ich: 30 der 35 angebotenen Käse-Sorten sind vegetarisch. Für die Herstellung wird kein Lab von Kälbern genutzt, sondern mikrobielles Lab. Dies wird aus Hefe oder Schimmelpilzen hergestellt, ist also nicht tierischen Ursprungs und damit umweltfreundlicher. Vegane Sorten werden zurzeit getestet. 

Borst und Cipolla animieren weitere Kunden, den Kürbis- und Sekt-Käse zu probieren. Wer diesmal zögert, könnte es beim nächsten Mal bereuen, denn beide Sorten gibt es nur für kurze Zeit. Während ich durch den Laden streife, erwische ich mich dabei, wie ich den Kalender durchgehe und nach Anlässen suche, jemandem mit einem schönen Stück Käse eine Freude zu machen. Es ist schwer, diesen Laden mit leeren Händen zu verlassen.


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