Bei der Arbeit mit dem Tod fürs Leben lernen

Führende Frauen - das ist der Titel einer Reihe von Beiträgen, in denen wir Frauen in Verantwortung für Firmen und Menschen vorstellen. Heute: Juliane und Victoria Frankenheim. Die Schwestern haben die Leitung des gleichnamigen Bestattungsunternehmens übernommen.
Veröffentlicht am 26. Mai 2021
Die Schwestern Juliane (l.) und Victoria Frankenheim leiten das Bestattungsunternehmen Frankenheim. Andreas Endermann fotografierte sie im hauseigenen Columbarium (Urnen-Bestattungsraum).
Die Schwestern Juliane (l.) und Victoria Frankenheim leiten das Bestattungsunternehmen Frankenheim. Andreas Endermann fotografierte sie im hauseigenen Columbarium (Urnen-Bestattungsraum).

Würden Juliane (29) und Victoria Frankenheim (26) als Verantwortliche in einer Werbeagentur, einer Bank oder wo auch immer arbeiten – wo läge der Unterschied? Wohl nur in der Kleidung. Vermutlich wäre die etwas weniger gedeckt, weniger zurückhaltend, es gäbe mehr Farbe, und nicht diesen hochgeschlossenen dunkelblauen Stil. Alles andere wäre ähnlich: selbstbewusst treten sie auf und überlegt, beschreiben Strukturen und Mitarbeiter, analysieren Prozesse. Trotzdem ist es am Ende nicht vergleichbar. Weil die beiden Schwestern nicht in irgendeiner Branche arbeiten, sondern in der, die das organisiert, was nach dem Tod zu tun ist – beim Bestattungsunternehmen Frankenheim.  Vor vier Jahren sind sie eingestiegen, um in die Fußstapfen des Vaters zu treten, zwei Jahre später wurden sie zu Geschäftsführerinnen und sind nun in der vierten Generation an der Spitze der Firma.

Ein solcher Generationenwechsel passiert täglich im Land. Bei Juliane und Victoria war er Schlusspunkt einer gründlichen – hier passt das Wortungetüm – Entscheidungsfindung. Juliane hat im irischen Dublin Customer Psychology (Kundenpsychologie) studiert, Victoria ließ sich beim Verlag der Rheinischen Post zur Medienkauffrau ausbilden und machte dann noch ihren Bachelor in Wirtschaftspsychologie.

Danach arbeiteten beide als Angestellte in unterschiedlichen Firmen. Erfahrungen, deren wahren Wert sie erst heute, in Führungsposition, wirklich erkannt haben – es erlebt zu haben, in der Hierarchie unter einer anderen Person zu stehen, Anweisungen ausführen zu müssen, sich mies behandelt zu fühlen, schlechte Kommunikation zu erleben. Beiden ist anzumerken, wie ernst sie es meinen, wenn sie sagen, Fehler möglichst nicht zu machen, die sie selbst erleben/erleiden mussten. 

Beide beteuern, familiär habe es keinerlei Druck gegeben. Irgendwann haben sie die Chance erkannt, die sich ihnen da bot – ein Unternehmen zu übernehmen, in Düsseldorf tief verwurzelt, mit der Chance auf eine Tätigkeit, die näher am Menschen kaum sein könnte. Mit langweiliger Routine ist nicht zu rechnen. 

Aber trotzdem haben beide nicht einfach so Ja gesagt. Sie taten etwas, was man – auch heute noch – von Gesellen des Zimmerer-Handwerks kennt: Sie gingen (im übertragenen Sinne) auf die Walz. Das heißt: Sie tingelten durch mehrere Betriebe ihrer Zunft und lernten hautnah, was es bedeutet, Menschen zu betreuen, in deren Leben der Tod eine brutale Lücke geschlagen hat. Das kannten sie vorher in dieser Intensität nicht. Obwohl die Tätigkeit des Vaters natürlich präsent war, gab es eine von den Eltern bewusst gehaltene Distanz der Firma zu den Kindern. So jedenfalls haben sie es in ihrer Erinnerung behalten.

Aber nun sind sie mittendrin, und an der Spitze. 50 Mitarbeiter, einige über Jahrzehnte dabei, an den Stil des Vaters gewöhnt, die jetzt die Töchter akzeptieren sollen. Da gab es, ganz klar, in der ersten Zeit einige Vorbehalte. Zumal die beiden sehr jung waren beim Einstieg vor vier Jahren. Das mochten nicht alle akzeptieren, es gab Fluktuation. Aber in der Wahrnehmung der Schwestern hat sich das inzwischen beruhigt. Aus der eigenen Erfahrung heraus haben sie die Mitarbeiter stärker eingebunden, sie gelehrt, Verantwortung zu übernehmen, selbständiger zu werden. Mit Erfolg – alles laufe glatt, auch wenn sie nicht anwesend seien, sagen sie. Ein gutes Gefühl. Typisch für Frauen in Führungspositionen, meinen sie – Mitarbeiter mitnehmen, sie einbinden, auf ihre Gefühle und Bedürfnisse eingehen. Ganz kühl haben sie erkannt, wie viel besser es geht, wenn die Crew sich wohlfühlt. Leitsatz beider: Emotionalität ist keine Schwäche. Das müssten etliche Chefs noch lernen, so diagnostizieren sie das Manko mancher Männer freundlich lächelnd, aber knallhart.

Aber den Umgang mit ganz anderen Gefühlen, nämlich denen der Kunden, fordern ganz besondere Mechanismen. Denn täglich geht es um den Tod, der in Unwiderruflichkeit alles andere in den Schatten stellt. Die jungen Frauen möchten da wie ein Fels in der Brandung für die Hinterbliebenen sein, wollen – so beschreiben sie ihre Arbeit – den Betroffenen das Gefühl geben, dass es da jemanden gibt, der sich um alles kümmert, dabei mit-fühlt, Stütze ist.

Ein anspruchsvoller Job. Wenn die Welle der Emotionen im Raum mit Trauernden zu hoch wird, einen selbst erfasst, man merkt, wie man eine Grenze überschreitet. Juliane und Victoria beschreiben diesen Moment berührend, nachvollziehbar. Wie geht man damit um? Man lernt es, offenbar. Und geht womöglich unter einem Vorwand kurz nach draußen, um durchzuatmen und nicht zu stolpern auf diesem schmalen Grat zwischen Emotionalität und Professionalität. Routine gibt Sicherheit, sagen sie. Aber manchmal, wenn Kinder sterben oder junge Menschen binnen Sekunden aus dem Leben müssen, geht das nahe. Bei dem Satz „Wir sind immer noch Menschen“ nicken beide. Aber sie haben auch erkannt, wie sie lernen fürs Leben im Umgang mit dem Tod.

Den Schwestern ist in diesem Moment das Gefühl der emotionalen Verbundenheit anzumerken, man spürt, wie sehr sie einander stützen, sich austauschen über solche Erfahrungen und der jeweils anderen dann helfen wollen – und auch können. Ihre Büros liegen direkt nebeneinander, die Frauen sind – typisch für diese Generation – virtuell auf verschiedenen Ebenen vernetzt, jede weiß immer, wo die andere ist, was sie macht, wie der Kalender aussieht. Aber derzeit überlegen sie, wie man höchst analog noch schneller kommunizieren könnte: Durch ein kleines Schiebe-Fenster in der Wand zwecks direkter Ansprache. Das Loch ist beschlossene Sache.


Lust auf weitere Geschichten?